In meinem Beruf bin ich zu einem weiten Teil Dienstleister für die „Kunden“. Zwar bin ich ein relativ freier Dienstleister und insbsondere auch Berater und oft indirekter bis direkter Entscheider für die „Kunden“, aber an sich ist es meine Aufgabe, den Willen des „Kunden“ unter Berücksichtigung der Rechtslage bestmöglich umzusetzen, soweit eben möglich. Kurz: Ich diene den Interessen des „Kunden“ (neben meinen eigenen Interessen und denen meiner Chefs, da wir nicht für lau arbeiten wollen).
An sich liegt mir das und die Arbeit macht mir insgesamt Spaß. Heute bin ich aber an die Grenzen meiner „Servicebereitschaft“ für Mitmenschen gekommen, da ich heute ausnahmsweise nur 10 Minuten Pause insgesamt hatte, ständig irgendwas anderes war und mir u.a. Zeit gestohlen wurde durch einen „Kunden“, der für heute einen Gesprächstermin bei mir vereinbart hatte und bei dem sich herausstellte, dass er mein letztes Schreiben (so wie vermutlich auch alle anderen Schreiben davor) nicht gelesen hatte. Macht ja nichts, ich hatte dort ja nur (mit entsprechendem Zeitaufwand beim Diktieren) alles umfassend und leicht verständlich erklärt, so dass der Gesprächstermin völlig überflüssig war, mich aber trotzdem Zeit gekostet hat.
Bräsig wie diese Klientel ist, wurde noch behauptet, das Schreiben nie erhalten zu haben, man habe nur „dieses Schreiben hier bekommen“ – „Kunde“ hält mir sein Handy hin, und was sehe ich?! => Ja, genau! Exakt das Schreiben war es.
Auf meinen entsprechenden Hinweis hin kommt vom „Kunden“ ein Lächeln und prompt die nächste „Erklärung“ a la „Sorry, ich verstehe die deutsche Sprache nicht gut, deshalb habe ich das Schreiben nicht gelesen.“ … Ja, warum sollte man auch wichtige Post lesen? Noch dazu solche, die doch glatt in der Amtssprache des selbst gewählten neuen Heimatlandes verfasst ist, wo man selbst diese Sprache doch kaum bis gar nicht spricht? … Was für eine Zumutung!
Preisfrage an den „Kunden“, die ich nicht stellen darf, aber die mich immer in den Fingern juckt in solchen Fällen:
„So, Sie verstehen also kaum Deutsch und möchten uns in einer Angelegenheit beauftragen, in der wir besonders darauf angewiesen sind, dass die Kommunikation mit Ihnen funktioniert und gerade sprachliche Feinheiten enorm wichtig sind. … . Darüber hinaus sind Sie auch nicht die hellste Kerze auf der Torte und möchten, dass wir Ihnen eine sehr komplexe Angelegenheit solange erklären, bis auch Sie das verstanden haben? …Wo Sie nicht einmal unsere Post an Sie lesen mögen, weil Ihnen das zu umständlich ist und Ihr Gedächtnis besprochene Inhalte gefühlt gerade mal 5 Minuten maximal behalten kann?!
Und die Kosten unserer Tätigkeit für Sie soll der Staat bezahlen, nach Minimalsätzen, so dass wir bei Ihnen aufgrund Ihres „erhöhten Betreuungsbedarfs“ schnell sogar draufzahlen, wenn wir alles ausführen, was Sie sich so vorgestellt haben. Kostet Sie ja nichts!
Ernsthaft?!“
*headdesk*
Genau die Klientel, die sowohl dumm, dreist, bequem, anspruchsvoll und der deutschen Sprache nicht mächtig ist, liebe ich besonders. Vor allem ziehen sie sich im Zweifel immer hinter die angeblichen bis tatsächlichen Sprachprobleme zurück.
(Anmerkung: Es gibt auch noch die Gruppe, die zwar auch Sprach- und Intelligenzprobleme hat, aber wenigstens willig und „kooperativ“ ist. Das ist dann noch einmal was anderes.)
Gegen 18:40 Uhr betrat ich endlich meine Wohnung. Wie gesagt, bis dahin hatte ich 10 Minuten Pause für mich gehabt den ganzen Tag über, was so auch als Ausnahme ok ist.
Dann ging es zum Kampfsporttraining, bei dem ich sogar just um 19:01 Uhr gerade noch pünktlich ankam.
Endlich abschalten!
Dachte ich.
Aber zu früh gefreut. Ausgerechnet der einzige in der Gruppe, der geistig behindert ist und eigentlich keine Übung richtig mitmachen kann, schon gar nicht mit komplexen Bewegungsabläufen, und kaum Sprechen kann, blieb als Sparringspartner für mich über.
Wir haben dann eine Stunde Sparringsübungen gemacht … von denen ich de facto gar nichts hatte und noch unfreiwillig sowas wie Sozialbetreuer für meinen Sparringspartner gespielt habe.
Und ja, ich habe das getan, weil ich ja die Übungen nicht verweigern konnte und weil der Typ ja nichts für seine Behinderung kann. Aber das Training war für mich dafür sowas von ätzend und anstrengend, leider nicht körperlich! … ich möchte auch mal irgendwann empathisch abschalten können anstatt immer noch für den anderen mitdenken und empathisch auf Empfang sein zu müssen, bei null Gegenseitigkeit. Das Ganze umso mehr, je weniger der andere das kann.
Am liebsten hätte ich gleich wieder meine Sachen gepackt und wäre nach Hause gefahren, während ich meinen Sparringspartner mühsam wenigstens etwas im Sinne der jeweiligen Übungen zu aktivieren und zu motivieren versuchte, ohne dabei von ihm versehentlich verletzt zu werden, weil er null Gefühl für seinen Körper hat. Mit so jemanden macht man gerade Kampfsportübungen doch gerne!
Nur einfach wieder abhauen vom Training, kann man ja auch nicht bringen, ohne dass dann alle wissen möchten, was los ist. Da hätte man erst recht nicht seine Ruhe.
Später gab es zwar noch andere Übungen alleine und am Ende kurz noch einen anderen Sparringspartner (der aber mäßig motiviert war, ich aber ebenso wenig bis dahin), aber die 2 h Training hätte ich mir besser erspart und wäre Joggen gegangen. Außerdem wollte einer der Vereinsleiter noch einen Rat und hat natürlich aufgrund meines Berufes mich gefragt.
An sich war das Fragen auch ok, manche würden sich wohl geehrt fühlen für das Vertrauen, aber nun habe ich glatt eine neue Zusatzaufgabe bekommen. Ich kann mich da leider nicht komplett rausziehen. Außerdem interessiert mich die Sache jetzt selbst, ich bin wohl schon angefixt. Gleichzeitig würde ich gerne gerne in roten Lettern an die Wand schreiben, dass mich vorübergehend alle mal können. Wehe jemand will irgendwas am Wochenende von mir!
Ich genieße es gerade, dass niemand hier ist, der irgendwie „bedient“ werden will; niemand, auf den ich reagieren und inhaltlich-empathisch-verstandesgemäß eingehen muss.
Leider tue ich das bis zu einem gewissen Grad automatisch; es ist ein wenig so, als müsste man sich das Denken abgewöhnen. Menschen sind nun einmal lebendige Gegenüber, die im Grunde durch Stimme, Mimik, verbale Laute, „ihre Stimmung“ etc. ständig Signale senden, die mein doofes Gehirn automatisch akribisch und überdeutlich wahrnimmt und auswertet. Das ist leider bei mir ein Automatismus, der sich nur abschaltet, wenn ich sehr erschöpft oder reizüberflutet bin.
Dieser Automatismus und die „übersensible“ Wahrnehmung kann vorteilhaft für mich sein, auch macht es im Sozialleben sehr geschmeidig -geradezu chamäleonartig- oft läuft es aber eher darauf hinaus, dass ich schnell geplättet bin innerlich und meine eigene Gefühlswelt sowie eigene Bedürfnisse unzureichend wahrnehme. Das „Rauschen“ der Signale meiner Mitmenschen übertönt die eigenen, leiseren Signale.
Immerhin kommt ja irgendwann die „Notabschaltung“, wenn meine inneren Energiereserven erschöpft sind.
Und all das ist ein Grund, warum ich mich in meinem Privatleben am liebsten alleine in ruhiger, menschenarmer Umgebung aufhalte und auch mit guten Freunden nur selten privat treffen mag etc..
Solche Treffen sind schön, aber sie entziehen mir auch Energie, die sich nur durch Alleinesein regeneriert. Außerdem müssen all die Eindrücke verarbeitet werden. Dann kann ich auch meine eigenen Signale wieder wahrnehmen und mich um eigene Bedürfnisse kümmern.
Sobald andere Menschen um mich herum sind, kann ich nicht richtig abschalten und bin mehr oder weniger auf Empfang.
Einzige Ausnahme: Ich ziehe mich gedanklich nach innen zurück, träume also quasi mit offenen Augen. Ungünstig daran ist, dass meine Umwelt dabei sehr weit ausgeblendet ist, so dass mich z.B. innerlich andere Spaziergänger beim Joggen kurz „erschrecken“, weil ich die glatt bis zuletzt nicht wahrgenommen habe.
