Frauen, die sich sehr schlank ästhetischer finden und besser gefallen, wird gerne auch von psychologischer Seite aus unterstellt und eingeredet, dass sie bloß ihre „Weiblichkeit“ (was auch immer das ist) ablehnen würden, Frauen hätten nun einmal Rundungen und wären nicht gertenschlank, so der gerne in dem Kontext vermittelte Tenor.
Ich warte auf den Tag, an dem man Männern, die sich sehr schlank und sportlich trainiert optisch besser gefallen, ebenso unterstellt und einredet, dass sie bloß ihre „Männlichkeit“ ablehnen würden und Fettpolster, ein Bierbauch etc. eben zu einem Mann gehören würden.
Gibt es nicht. … Warum wohl?
Provokant geantwortet: Weil bei Frauen jeder Körper natürlich schön ist und weiblich, außer der dünne Körper. Der ist pfui-bäh, unweiblich, krankhaft. Wer das schön findet, ist bereits von der ominösen Gesellschaft verdorben oder – noch schlimmer – Modedesigner.
Zudem wären da noch die gerne bei dem Geblubber von der Weiblichkeit ignorierten Frauen, die einfach von Natur aus so gut wie keine Oberweite haben, keinen Hüftspeck etc.. Was ist mit denen?
Dürfen die ihren „unweiblichen“ Körper mögen – was an sich als gesund gepredigt wird – oder ist das bei denen etwas anderes, weil sie ja keine „weiblichen Rundungen“ haben und auch noch zufrieden damit sind, was wiederum als patholgisch gewertet wird?
Ich lehne dieses unlogische Mantra von der vermeintlich abgelehnten Weiblichkeit ebenso ab, wie ich es ablehne und nicht nachvollziehen kann, Essstörungen Namen wie „Ana“ oder „Mia“ zu geben.
Wie man sich so kindisch und von seinem eigenen Verhalten selbst entfremdet verhalten kann, dass man diese Mädchennamen bemüht, so als wären das Personen, die von einem Besitz ergriffen hätten, habe ich auch nicht nachvollziehen können, als ich selbst anorektisch gewesen bin.
In meinen Augen macht es ernsthafte Erkrankungen auch ein Stück weit lächerlich. Würde jemand Krebserkrankungen derart darstellen („da war plötzlich wieder mein Freund Canci, der sich von mir ernähren wollte …„), die Empörung wäre gewiss.
Für mich persönlich war und ist meine Essstörung zudem einfach ein Teil meines Ichs gewesen. Psychologen nennen das „ich-synton“ und werten das als eher ungünstig, weil es einer Krankheits- und Behandlungseinsicht entgegenstehen würde.
Es mag pathologisch gewesen sein aus medizinischer Sicht, vieles ist auch durch biologische Prozesse erklärbar im Rahmen der Unterernährung, gleichwohl war das auch ich, der da gehandelt hat, kein Dämon, keine komische Person namens „Ana“.
Offen gesagt hat mir die Essstörung auch geholfen in punkto Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmungsgefühl. Es hatte nichts mit Models, gesellschaftlich gepredigten Schönheitsidealen, GNTM, Size Zero – oder was auch immer so klischeemäßig herangezogen wird als Erklärung – zu tun.
BTW: Die Models, die ich damals am Rande mitbekommen hatte, waren sanduhrförmige Frauen mit Doppel-D, großem Hintern, keine Muskeln, die kaum anders als ich selbst hätten aussehen können. Da wäre jedoch niemand auf die Idee gekommen zu behaupten, dass solche Modeltypen schuld daran wären, wenn anders gebaute und aussehende Frauen sich körperlich unwohl fühlen sollten.
Was die sehr schlanken Models von den Laufstegen oder sehr berühmte, sehr dünne Frauen angeht:
Mir haben die später geholfen mehr Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit bzgl. meines Körpers anderen gegenüber zu entwickeln und ich habe in einem gewissen Sinn Leidensgefährten in ihnen gesehen, denn auch ich kenne skinny shaming, wie sich das neudeutsch schimpft.
Aus unerfindlichen Gründen denken manche beschränkten Menschen, dass man Essstörungen vorbeugen oder heilen könnte, indem man Frauen erzählt, wie scheiße dünne Frauen aussähen, wie ungesund das sei, dass die doch sicher alle krank wären, dass Männer sowas hässlich fänden (ist ja immer seeehr wichtig, was das andere Geschlecht vom eigenen Körper hält, eben der fuckability-score *ironie*) etc. und animiert dünne Frauen dazu, entgegen ihres natürlichen Hunger- und Sättigungsgefühls „doch noch was zu essen“, weil sie ja so dünn wären einseinself!
Wenn man selbst gerade akut anorektisch und ohnehin verunsichert ist, hilft es besonders, wenn man beim gemeinschaftlichen Essen regelrecht gescannt und oft mehr oder weniger unverhohlen darauf hingewiesen wird, dass man sich mit seinem (von halbtot bis hart zurück ins leichte Untergewicht erkämpften) Körper aber auf keinen Fall schön finden und selbst annehmen dürfe, nicht dass man noch magersüchtig werden würde, man habe da neulich erst so einen Fall im Verwandtenkreis gehabt … schön finden dürfe man sich erst – so die Logik desjenigen – wenn man in dessen Augen gefälligst wieder „fickbar“ aussieht, also irgendwie so BMI 20+, weil man dann angeblich ja größere Titten, einen größeren Hintern etc. hätte, aber bitte nicht zu dick an den Beinen und am Bauch etc., weil das dann „nicht so geil“ aussähe.
(Man erkennt den wahren Menschenfreund … ^^)
Abgesehen davon, dass man sich natürlich aussuchen kann, wo und wie man zunimmt:
Ob man sich selbst schön findet, auch wenn man aufgrund des Untergewichts und der eher „knabenhaften“ Erscheinung in punkto „weibliche Kurven“ nicht dem angepriesenen Schönheitsideal entspricht? => scheißegal, Hauptsache andere finden einen schön (und können sich Geschlechtsverkehr mit einem vorstellen, weil man dann deren Beuteschema erfüllt), das bedeutet dann Gesundsein. Deshalb bedeutet Gesundsein auch automatisch, Normalgewicht zu erreichen und zu halten.
So aussehen, wie man sich selbst schön findet und es gesundheitlich vertretbar ist? Nein, das zählt nicht, wenn man damit nicht das Beuteschema anderer bedienen kann und andere Frauen sich neben einem dick vorkommen. Schäm dich!/zynismus
Ich fand mich auch während meiner Anorexie nicht dick im eigentlichen Sinn. Ebenso habe ich durchaus gesehen, wie sich mein Körper verändert hat. Es wird ja in den Diagnosemanuals etc. immer proklamiert, dass die Betroffenen das nicht sehen könnten und sich irrationalerweise optisch verzerrt wahrnähmen und daher zu dick/dicker sähen. Quasi salopp gesagt so, als hätten sie einen BMI von 16, würden sich aber wie mit einem BMI von 26 sehen.
Persönlich kann ich das nicht bestätigen. Man fühlt sich sicher oft dick, aber dass ich deutlich dünner als mein gesamtes Umfeld war, mein Körper sich verändert hat, dünner geworden ist, teils erschreckend dünn, das habe ich durchaus gesehen.
Problem: Mich hat das fasziniert und mir hat das gefallen; man sieht immer mehr vom Inneren des Körpers, fast so, als würde man sein Inneres herausarbeiten bzw. auf verdrehte Weise eine Art Obduktion an sich vornehmen.
(ich wollte lange aufgrund einer immer schon vorhanden gewesenen Neugier und Faszination Gerichtsmediziner werden, weil ich das einfach sehr interessant finde, wie sich der Körper zusammensetzt, wie er beschaffen ist, wie er von Innen aussieht, wie er auf physische Einwirkungen von Außen reagiert. Erstmalig ist mir das bei den getöteten Mäusekadavern unserer Hauskatze aufgefallen – ich kann das schwer erklären.).
Und zierlich-drahtige, fast androgyne Mädchen/Jungen sowie Erwachsene fand ich in ästhetischer Hinsicht immer schon ideal. Ganz ohne dass mich Medien etc. beeinflusst hätten, denn auch dort gibt es dieses spezielle Schönheitsideal garantiert nicht, schon gar nicht auch bzgl. Männerkörper! Im Gegenteil, dort würde das als hässlich gelten, sowohl für Frauen, und erst recht für Männer.
Zurück zur Faszination und meinem Gefallen an meiner körperlichen Veränderung mit immer größer werdenden Untergewicht: DAS war das eigentliche Problem, wenn überhaupt. Sowas wird aber nirgends thematisiert.
Darüber hinaus geht es auch um Leistung, schließlich ist die Abnahme hart erarbeitet. Warum sollte man also seine eigene Leistung/seinen eigenen Erfolg wieder zunichte machen, nur weil Ärzte, Mitmenschen, Arbeitgeber, die Familie – sprich „die wahre Gesellschaft, die einen im Gegensatz zu fernen Models, Modedesignern, Stars und Sternchen etc. tatsächlich sehr weit beeinflussen kann,“ – das so will?!
Ein weiteres, ebenfalls kaum erwähntes Problem und Mitursache:
Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto ab der Pubertät und damit einhergehende Schilddrüsenfehlfunktionen und entsprechende Symptome, die auch von Ärzten übersehen und allenfalls mit „Pubertät“ abgetan werden.
Ich hatte damals aufgrund der eingeschränkten Schilddrüsenfunktion sowas wie Depressionen, auch mit suizidalen Gedanken, die ich mir nie erklären konnte. Auch Probleme mit Wassereinlagerungen in den Beinen, zu denen mir immer erklärt wurde, dass das eben „normal so wäre bei Frauen“ und ich „keine richtig schlanken Beine haben könnte“. Das Wabbelige vom Wasser wurde mir noch als angebliche Muskelmasse verkauft, ja nee is klar!
Was für ein Unsinn, das alles, wie ich Jahre später festgestellt habe, nachdem die Schilddrüse endlich behandelt wurde. Plötzlich hatte ich super-schlanke (von den krankhaften Wassereinlagerungen befreite) Beine, die sich trotz viel höheren Gewichts und weniger Sport straff angefühlt haben, anstatt wabbelig.
Also bitte liebe Mitmenschen und ganz besonders auch Ärzte: Nur weil jemand schlank ist, kann derjenige trotzdem pathologisch aufgedunsene Beine haben bzw. krankhafte Wassereinlagerungen haben. Derjenige braucht dann eine Behandlung der zugrundeligenden (physischen) Erkrankung und sicher keine Gehirnwäsche dahingehend, dass er sich das einbilden würde bzw. das nun einmal eben so wäre und ja auch überhaupt kein Problem sei bzw. das einzige Problem ein vermeintlich übertriebenes Schlankheitsidela desjenigen sei.
Nach Behandlung der Schilddrüsenfehlfunktion sind sogar die Suizidgedanken binnen kürzester Zeit verschwunden, genauso plötzlich, wie sich gekommen waren. Ich hatte plötzlich wieder Lust, etwas zu machen, kaum noch Antriebsprobleme und viel mehr Energie. Wer weiß, wäre die Hashimoto-Erkrankung nebst Schilddrüsenunterfunktion gleich erkannt und richtig therapiert worden, wäre ich wohl niemals an einer Essstörung erkrankt und mehr von meiner Jugend (Pubertät, Schule, Studium und Referendariat) gehabt.
Damals, als ich noch unerkannt unter der Schilddrüsenunterfunktion sowie den weiteren Symptomen der Autoimmunerkrankung litt, entstand der Einstieg in die spätere Essstörung vor allem hieraus:
Mit dem Hungern ist die ständige Müdigkeit, die Lustlosigkeit, die Lebensmüdigkeit, die depressive Stimmung etc. besser geworden, unter denen ich vorher bereits kurz nach Eintritt in die Pubertät unerklärlicherwiese litt, was auch nie ernstgenommen worden ist, weil … Pubertät eben, da sind Kinder/Mädchen eben komisch, zurückgezogener, melancholischer etc.. Es wurde für mcih als normal angesehen, dass ich eben so war – und ich hielt es irgendwann auch für normal, ständig müde zu sein etc..
Anfangs hat das Hungern also geholfen, um überhaupt halbwegs sinnvoll am Leben teilnehmen zu können; später war es ein guter Weg, sich ratenweise umzubringen, ohne sich final entscheiden zu müssen. Ein Abnehmziel in dem Sinne hatte ich nicht. Ich wollte lediglich wissen, wo das Ende/die Grenze ist und wie der Körper mit 46 kg, 44 kg, 42 kg, 40 kg, 38 kg etc. aussieht – wie er sich dann weiter verändert, bis man es hinter sich hat. Vage hatte ich einmal den Entschluss gefasst, sofort aufzuhören, sobald ich (endlich) mal umkippen sollte, aber das ist nie eingetreten. Faszinierend, was der Körper aushält.
Gewissermaßen hat die Essstörung mir ironischerweise das Leben gerettet, denn anders als beim Sprung vom Hochhaus oder anderen direkten Suizidmethoden hat sie mir Zeit verschafft, um letztlich einen anderen Weg einzuschlagen. Man lernt sich selbst auch besser kennen, und das meine ich gar nicht mal so bitterböse/zynisch, wie es evtl. klingt.
Bis heute mag ich das einsetzende Trancegefühl, wenn ich über viele Stunden nichts gegessen habe. Es gibt Menschen, denen geht es dann schlecht, mir geht es dann besser; das Hungergefühl nimmt auch ab bzw. verschwindet; man fühlt sich komisch leicht und irgendwie wie in Watte gepackt, aber auf angenehme Weise. Das hat genetische Ursachen und ist auch ein weiterer Punkt, der einen anfälliger für Anorexie macht.