
Wie fange ich an … kurz gesagt stehe ich ein bisschen neben mir, weder im guten, noch schlechten Sinne.
Das ist jetzt sehr aussagekräftig, ich weiß. Wie ich das anders beschreiben könnte, weiß ich dagegen nicht.
Sowohl der Freitag, als auch der Samstag waren einerseits sehr positiv, andererseits auch negativ. Meine guten Vorsätze haben nicht ganz gehalten, andererseits ist es weder Freitagabend, noch heute so ausgeartet, wie es auch hätte enden können.
Der Besuch meiner Eltern war ganz entspannt und nett, nur das gemeinsame Essen, bestehend aus Curry-Wurst-Pommes und später noch Kuchen hat mich zurückgeworfen. Andererseits hat es die Entscheidung auch sehr leicht gemacht. Um dieses Essen ist es nicht schade, sowas braucht kein Körper.
Also man kann sowas ja manchmal essen – natürlich auch ohne anschließendes Erbrechen – aber es ist für mich in meiner derzeitigen anfälligen Situation eine schlechte Idee gewesen.
Möglicherweise hätte ich meine Eltern zu etwas anderem überreden oder zumindest den Kuchen ablehnen können, aber ich finde das innerlich immer etwas schwierig. Es ist zwar bei Weitem nicht mehr so wie früher, dass meine Eltern überbesorgt reagieren, sobald ich bei gemeinsamen Mahlzeiten nicht oder nicht so viel mitessen möchte, aber zuverlässig absolut stressfrei ist das Thema bis heute nicht.
Leider ist es auch bis heute so, dass ich nur allzu gut mitbekomme, dass es sie immer noch erleichtert bis freut, wenn ich mitesse – viel mitesse und vor allem auch kalorienreiche, ungesunde Sachen mitesse, obwohl ich da just dann nicht einmal richtig Appetit drauf habe.
Es ist bei meinen Eltern nicht ganz so extrem wie bei meinen inzwischen verstorbenen Großmüttern, die immer geradezu enttäuscht reagiert haben, wenn ich keinen Nachschlag haben wollte, da ich einfach satt war. Sie haben das nie akzeptiert und mir immer noch irgendwas Essbares geradezu aufgedrängt, das ich – da ich ihnen ja keine schlechten Gefühle bereiten wollte – auch gegessen habe, woraufhin meine Großmütter sichtbar erfreut reagiert haben.
Meine zaghaften Widerstandsversuche („Danke, aber ich bin wirklich satt.“) wurden regelmäßig übergangen. … Dass ich nicht völlig gemästet wurde, habe ich den Interventionen meiner Mutter zu verdanken.
Sie fand das Ganze zwar auch nicht gut, aber hätte natürlich weder 24/7 den Kontakt zwischen Enkelkind und Großmutter überwachen und begleiten können, noch wollten unsere Eltern einen Keil zwischen die Generationen treiben, reichte es doch, dass sie selbst mit ihren Eltern/meinen Großeltern mit einer Ausnahme ein sehr belastetes Verhältnis hatten. Das sollte nicht zwischen Großeltern und Enkelkindern stehen, weshalb sich meine Eltern da viele Jahre zu wenig durchgesetzt haben, auch Dank einer gewissen Harmoniebedürftigkeit, die ich gut nachvollziehen kann.
Kleiner Zeitsprung:
Meine eine Großmutter hatte es in meiner Kindheit mal völlig auf die Spitze getrieben:
Meine Mutter, mein Bruder und ich hatten just gut zu Mittag gegessen, als sie erschien und Plätzchen vom Bäcker mitbrachte. Meine damaligen Lieblingsplätzchen!
Meine Mutter musste noch zu einem beruflichen Termin und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Meine Großmutter hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich Dankbarkeit zeigen und das von ihr mitgebrachte Plätzchen genau jetzt vor ihr essen sollte … damit sie sich gut fühlen konnte; so als tolle Großmutter und so.
(So war sie eben Zeit ihres Lebens. Als sie später verstarb, war ich erst ungläubig, dann erleichtert. Das führt an dieser Stelle aber zu weit.)
Höflich wie ich als Kind war, habe ich viele lange Minuten meiner Großmutter meinen Dank für das mitgebrachte Plätzchen bekundet und bedauernd darauf hingewiesen, dass ich noch satt sei vom gerade verzehrten Mittagessen, aber das Plätzchen später essen werde.
Normale Menschen hätten das akzeptiert, meine Großmutter war aber nicht normal.
Ich habe kein Zeitgefühl dafür, wie lange sie unter den feixenden Bemerkungen meines sichtlich schadenfrohen Bruders auf mich eingeredet hat, aber es war sehr lange. Inhaltlich forderte sie mich immer wieder auf, das Plätzchen jetzt (!) zu essen und versuchte es wahlweise mit missmutigen Blicken und einer sehr leidenden Miene sowie Äußerungen dahingehend, dass ich sie nicht lieben würde, weil ich das Plätzchen ja nicht essen wollen würde, wo sie sich doch extra die Mühe gemacht habe. Mein Bruder bekräftigte sie grinsend.
Es hat keine Logik gehabt, dass ich mich damals wie der kaltherzigste Mensch, der seine Großmutter nicht lieben würde, gefühlt habe.
Irgendwann habe ich schuldbewusst das Plätzchen runtergewürgt, was mir strahlende Blicke meiner Großmutter einbrachte. Mein Körper fand das Ganze alles andere als strahlend; physikalisch-biologisch betrachtet wenig überraschend war mir speiübel.
Während ich da so wenige Meter von meiner immer noch am Tisch sitzenden Großmutter und meinem – nun höchst amüsierten – Bruder kotzend über Küchenspüle hing (weiter hatte ich es nicht mehr geschafft), kam meine Mutter zurück.
Auf ihre irritierte Frage, was denn hier los sei, erwiderte mein Bruder sinngemäß, dass ich aus Dummheit und Verfressenheit zu viel gegessen hätte. Meine Großmutter tat, was sie immer getan hat, wenn sie Mist gebaut hatte: Sie erklärte, dass sie jetzt gehen müsse und ging, als ob sie das Ganze nichts angehen und sie nichts damit zu tun haben würde.
Ich fühlte mich unendlich dumm, tatsächlich verfressen und irgendwie gedemütigt.
Immerhin war mir das eine Lehre. Danach entwickelte ich im Laufe der Jahre eine Gefühlosigkeit und erstarrte Kälte in Person, wenn jene Großmutter – oder nochmal später – andere Menschen mir mit solchen emotionalen Erpressungsspielen kamen oder sonstwie versuchten, mich „emotional zu bedrängen“.
Kleiner Zeitsprung in das Ende meiner Pubertät (<= ehrlich gesagt finde ich das Wort doof, aber Teenagerzeit klingt auch nicht besser.)
Es war abends kurz vor dem Handballtraining. Ich wohnte noch bei meinen Eltern, war anorektisch, recht untergewichtig und zwar in einem gewissen Rahmen bzgl. des Essens „kooperativer“, aber nur begrenzt. Ein paar wenige Monate vorher hatte ich so gut wie gar nichts mehr gegessen (und auch kaum etwas getrunken); für meine Eltern war das eine sehr harte Zeit gewesen.
Seitdem waren das Thema Essen und gemeinsame Mahlzeiten ein Dauerstressthema sowohl für meine besorgten Eltern, als auch für mich.
An diesem Abend brachten sie mir von einem Ausflug einen Döner mit und wollten, dass ich den noch vorm Handballtraining esse. Ihre Sorge war, dass ich ihn ansonsten gar nicht mehr essen würde, während ich – in dem Moment zumindest ehrlich gemeint – anbot, den Döner nach dem Training zu essen, meinetwegen unter ihren Augen, damit sie sicher sein können. … Ich habe es immer schon gehasst, Essen aufgenötigt zu bekommen, in jener Zeit natürlich nochmals intensiver. Dass ich den Döner vor dem Training essen sollte, ging mir völlig gegen den Strich.
Andererseits war ich damals irgendwie die ständigen Diskussionen um das Thema Essen und die Gefühle (Sorge, Verärgerung, Missstimmungen im Raum unter den Anwesenden etc.) Leid. Eigentlich bin ich nämlich sehr harmonieliebend.
Daher habe ich diesen Döner damals gegessen. Beim anschließenden Handballtraining kam mir selbiger – sorry – teilweise wieder hoch, mir ging es sehr elendig; aber ich hatte damals noch keinerlei Erfahrung mit selbstinduziertem Erbrechen und hielt irgendwie das Training durch.
Ich weiß nicht mehr genau, ob ich auf der Rückfahrt angehalten habe, weil ich mich übergeben musste. An sich meine ich, dass es damals so gewesen ist – und dass es mir nach dem ersten Ekel ganz recht war, weil a) die quälende Übelkeit weg war, b) die unnötigen Kalorien entsorgt waren und c) ich mich wieder selbstbestimmter gefühlt habe (wenn mir Essen aufgenötigt worden ist, habe ich mich gerade damals extrem fremdbestimmt gefühlt; das war ein sehr schwer aushaltbares Gefühl).
Danach habe ich mich zwar noch lange nicht absichtlich erbrochen, aber es hatte da irgendwie im Hinterkopf bei mir *Klick* gemacht.
Irgendwann nach einer größeren Familienfeier – bei der ich aus meiner Sicht zu viel und zu kalorienreich hatte essen müssen – habe ich mich das erste Mal absichtlich übergeben. … Das war gar nicht so einfach und über Tipps wie den, mittels Zahnbürstenstiele den Würgereflex auszulösen, kann ich seitdem herzlich lachen.^^ Aber irgendwann hatte ich den Dreh raus, die Waage zeigte sogar eine deutliche Abnahme an, und im Laufe der Zeit verfeinerte ich meine Technik.
Und geradezu paradiesisch:
Es gab endlich keinen Streit und Missstimmungen mehr um das Thema Essen mit meiner Familie, da ich brav alles gegessen habe ohne mich wegen der Kalorien bzw. persönlichen No-Go-Lebensmittel (z.B. Crossaints etc.) anzustellen, da ich es ja wieder hinterher erbrach. Meine Eltern freuten sich ob meiner vermeintlichen Genesung und Freude am Essen – und ich war heilfroh, mich gleichwohl dann später beim Kotzen wieder mit mir im Reinen zu fühlen und nicht zunehmen zu müssen.
Endlich waren die gemeinsamen Mahlzeiten bzw. das Thema Essen überhaupt mit meinen Eltern kein ständiges Streit- und Sorgenthema mehr.
Natürlich entwickelte das ganze bald eine sehr ungute Eigendynamik und irgendwann war ich soweit, dass mein Körper es überhaupt nicht mehr gewohnt war, Mahlzeiten ernsthaft verdauen zu müssen, da ich so ziemlich jede Mahlzeit hinterher erbrach. … Außerdem ging es mir körperlich und seelisch irgendwie bald deutlich bzw. anders schlechter, als während der rein anorektischen Zeit. Das Erbrechen hat meinem Körper irgendwie schneller weit stärker zugesetzt, bei höherem Gewicht, als es tiefstes Untergewicht und restriktives Essen vermocht hatten.
Zumindest hatte ich mich nur mit restriktivem Verhalten nicht so schlecht gefühlt, auch wenn ich mich später auf Fotos mal erschrocken habe. Und einmal nach dem Handballtraining hatte ich mich körperlich sehr anders als sonst gefühlt, schlechter, und hatte feststellen musste, dass ich wider Erwarten glatt weiter abgenommen hatte und nur noch 300,1 g davon entfernt war, unter 40 kg zu kommen.
Das war das einzige Mal, dass ich über eine Abnahme nicht aussschließlich erfreut war, sondern irgendwie auch etwas erschrocken, hatte ich doch fest mit einer Zunahme gerechnet. Mir war wohl die Kontrolle entglitten, andererseits war es ja quasi sowas wie das Ziel, einfach immer weiter abzunehmen, um zu schauen, wie es damit ist bzw. war das immer weiter Abnehmen als Weg schon das Ziel selbst … .
Ich weiß nicht, ob man das als Suche nach Grenzen und sich selbst besser spüren können beschreiben kann.
Es war auch so, dass dieser innere Sog in die Tiefe, also konkret umgesetzt dann in Richtung immer weiterer Abnahme bis man es hinter sich hat, mit immer niedrigeren Gewicht immer stärker geworden ist. Ich war mir damals intuitiv sicher, dass ich etwas Unumkehrbares mache, wenn ich unter 40 kg rutschen sollte:
Noch hatte ich keine bleibenden körperlichen Schäden erlitten und unter 40 kg kommt ja auch schon die nächste Zehnerkette, mit ihrem magischen Reiz: 39, 38, 37, 36 … 30 kg – und evtl. noch die 20er kg-Reihe – quasi die ungekrönte Eliteliga – wenn man bis dahin kommen sollte => ich habe weit eher versagt, so dicht wie mit 40,3 kg bin ich nie wieder an das äh „Ziel der Auflösung“ gekommen.
Noch Jahre später habe ich damit gehadert, das nicht durchgezogen zu haben. … Typisch eben, Zielstrebigkeit war Dank meiner chronischen inneren Ambivalenzen und anderen Hindernissen noch nie meine Stärke.
Außerdem hatte ich mir damals an jenem Abend eingebildet, dass mein Herz komisch geschlagen hätte, viel zu langsam. Das ging auch durch das Duschen nicht weg. Naiverweise glaubte ich, möglicherweise nach dem Einschlafen wegen eines Herzstillstandes nicht mehr aufzuwachen, tat es aber natürlich trotzdem am nächsten Tag.
Meine Eltern und mein Hausarzt hatten mir insbesondere wegen des Herzmuskels, der beim Hungern irgendwann auch abgebaut wird, hartnäckig in den Ohren gelegen. Das hatte mich wohl unfreiwillig verunsichert und an akute Herzprobleme glauben lassen an jenem Abend, pah.












