
Es gibt so ein paar Erinnerungen aus meiner Kindheit, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Hier ist eine davon:
Eines schönen Tages waren meine Eltern (oder auch nur meine Mutter, das weiß ich nicht mehr genau) mit mir in der Nachbarstadt einkaufen. Damals gab es in unserem Einzugsgebiet den Online-Handel, wie man ihn heutzutage kennt, noch nicht. Ich meine, dass auch meine Patentante mit ihrem Lebensgefährten dabei war. Zu dem Zeitpunkt war ich irgendwas um die ca. 9-10 Jahre alt, keineswegs älter.
Dass es fremde Menschen gab, vor denen man sich als Kind hüten sollte, war mir vage bekannt. Allerdings nur in der Form, dass man nicht zu Fremden ins Auto steigen sollte. Später als Jugendlicher wird dagegen gerade für den nächtlichen Heimweg von Feiern empfohlen, sich zu völlig Fremden ins Auto zu setzen, nämlich zu Taxifahrern. Das verstehe, wer will.
Meine Eltern hatten mir als Kind zu der „Steig nicht zu Fremden ins Auto“ -Regel ergänzend erklärt, dass sie immer jemanden schicken würden, den ich gut kenne bzw. jemanden aus der Familie, falls sie mal verhindert sein sollten, mich von irgendwo abzuholen.
Konsequenterweise bin ich nach der Schule nicht in das Auto der Schulfreundin gestiegen, als die Mutter mit ihrem Pkw auf meinem Fußweg neben mir anhielt und anbot, mich mit zunehmen nach Hause. Zwar kannte ich die Mutter und hatte bei der Schulfreundin auch mal übernachtet, aber sie fiel nicht in diese engere Kategorie von vertrauten Menschen; sie war kein Familienmitglied. Daher war sie als „fremd“ im Sinne dieser Regel einzustufen.
Meine Eltern hatten sehr großen Wert auf diese Regel gelegt und auch im Kindergarten war uns das mal von einem Polizisten eingeschärft worden. Es war also eine wichtige Regel, warum auch immer die Erwachsenen das so wollten.
So richtig verstanden hatte ich den Hintergrund der Regel nicht, weil es sich doch gar nicht gelohnt hätte, mich zu entführen. Meine Eltern waren nicht vermögend. Warum nun aber trotzdem fremde Menschen mich und andere Kinder in ihr Auto locken wollten, erschloss sich mir nicht. Meine Eltern waren bei dem Thema etwas empfindlich und wenig auskunftsbereit; immerhin konnte ich von ihnen und aus Zeitungsberichten irgendwann so viel erfahren, dass diese fremden Menschen irgendwas Böses mit Kindern machen und sie ggf. umbringen, nachdem sie einen ins Auto bekommen haben. Nicht jeder fremde Autofahrer, der eine Mitfahrgelegenheit anbietet, tut so etwas, aber manche von ihnen. Deshalb steigt man als Kind nicht zu Fremden ins Auto. Pech für die Mutter meiner Schulfreundin.
Zurück zu jenem Stadtbummel:
Es ergab sich irgendwie, dass meine Eltern/meine Mutter mit der Patentante und Lebensgefährten in irgendeinem Geschäft noch kurz was erledigen mussten. Das Geschäft war mitten am Markplatz, es war recht gutes Wetter, es waren viele Leute unterwegs und das Geschäft ödete mich an. Auf meine Bitte hin durfte ich draußen warten.
Es dauerte nicht lange, als mich plötzlich ein „älterer Mann“ ansprach. Für mich als Kind waren alle Menschen ab ca. 30 alt, aber ich denke, er dürfte so um die ca. 50-60 Jahre alt gewesen sein, eher älter als jünger. Er wollte eine Wegbeschreibung zu einem recht bekannten Parkplatz in der Nähe. Der Parkplatz war nur zwei Straßen weiter, der Weg war einfach. Höflich und hilfsbereit wie ich als Kind war, erklärte ich ihm den Weg. Zu meiner Überraschung war die Sache damit aber nicht erledigt. Er ließ nicht locker, gab sich hilfsbedürftig und wollte, dass ich ihm den Weg „kurz zeige“.
Da es wirklich nicht weit war, fing ich an zu überlegen, ob ich kurz mitgehe. Andererseits hatte ich meinen Eltern versprochen, vor dem Geschäft auf sie zu warten. Wobei ich ja schnell wieder zurück sein könnte, wenn ich mich beeilen würde. Meine Eltern hätten gewiss Verständnis dafür. Der Mann bemerkte mein Zögern und beging dann einen Fehler: Er versuchte noch mehr, mich zu überreden, stellte mir irgendeine Belohnung in Aussicht (Süßigkeiten oder so) und zeigte dabei einen winzig kleinen Anflug von Ungeduld und Missfallen. Nicht stark, nur ganz kurz, in all seiner Freundlichkeit.
Mich störte das irgendwie, ich fühlte mich komisch beunruhigt und so lehnte ich seine Bitte ab. Der Mann gab schließlich auf und entfernte sich. Ich blieb grübelnd zurück und überlegte, ob ich dem Mann mit meinem Gefühl unrecht getan hatte oder nicht.
Als meine Eltern wieder da waren, versuchte ich ihnen von der Begegnung zu erzählen, aber irgendwie schien sie das Ganze nicht zu bekümmern. Rückblickend vermute ich, dass sie mir damals (mal wieder) gar nicht richtig zugehört haben; vielleicht habe ich mich als Kind für sie auch zu unverständlich ausgedrückt, so dass bei ihnen nur angekommen ist, dass mich ein Mann nach dem Weg gefragt hat – banales Geplapper, was Kinder eben so erzählen. Als Kind schlussfolgerte ich aus ihrer (Nicht-)Reaktion, dass der Mann sich wohl normal verhalten hatte und ich zu misstrauisch gewesen war, wenngleich ich mich in der Situation am Ende beunruhigt gefühlt hatte und darüber gerne mit meinen Eltern gesprochen hätte. Letztlich erklärte ich mir meine Reaktion mit meiner generellen Verstörtheit.
Die Erkenntnis, wie wenig Sinn es ergab, dass er ausgerechnet ein Kind wie mich anspricht in der belebten Fußgängerzone, nach dem nun wirklich nicht schwierig zu findenden Parkplatz fragt und verlangt nachdrücklich darum bittet, dass das Kind ihn auch noch dorthin begleitet, kam mir erst viele Jahre später.