Skeptisch beobachte ich meinen Spuckefaden, der sich weigert, nach unten in die Testlösung zu laufen. Unter dem gestrengen Blick der Bürovorsteherin helfe ich mit dem Stäbchen nach und verrühre das Spucke-Testgemisch vorbildlich, bevor ich das Zeug auf die Testkarte tropfe. Anschließend ordne ich mein Fixerbesteck Testbesteck und warte. Was man eben morgens im Büro so macht … .
Die Bürovorsteherin kann es auch an diesem Tag nicht lassen anzumerken, dass diese Schnelltests ja ganz schrecklich unzuverlässig wären und gerne auch mal falsch-negativ seien. Ich kann es mir diesmal nicht verkneifen zu erwidern, dass die tägliche Testpflicht dann ja wenig sinnvoll sei. Natürlich sieht die Bürovorsteherin das anders. Nach 10 Minuten fragt sie nach dem Ergebnis, das (natürlich) negativ ist. Sie meint, dass ich gehen könnte. Pflichtbewusst weise ich darauf hin, dass wir eigentlich noch 5 Minuten warten müssten, damit die 15 Minuten Wartezeit voll sind. Aber zu meiner Überraschung sagt sie doch glatt, dass ich ruhig schon mal in mein Büro gehen solle und mich ja bei ihr melden könne, wenn der Test wider Erwarten noch was anderes anzeigen sollte. Eine gewisse Schadenfreude breitet sich in mir aus, während ich innerlich grinsend in mein Büro gehe. Sie wollte es ja nicht anders, sonst hätten wir uns das Ganze sparen können.
Es war nämlich die Bürovorsteherin, die darauf bestanden hat, dass ich den Test morgens unter ihrer Aufsicht mache. Damit auch alles seine Ordnung habe. Somit hatte sich die deutlich pragmatischere Idee meines Chefs erledigt. „Na gut, so sei es eben“, dachte ich Mittwochmittag, als ich mich brav bei ihr einfand, um den Test zu machen.
Vorher war ich auswärts bei Gericht gewesen und musste feststellen, dass wenigstens bei den Gerichten die Welt noch halbwegs in Ordnung war. Klar, Corona-Lüften, Abstand, Maske und Desinfektionsmittel gab es auch dort, aber wenigstens wollte niemand den Impfstatus der Besucher wissen. Während ich so durch die ehrwürdigen Gänge des Amts- und des daran angeschlossenen Landgerichts schritt, musste ich ernüchtert feststellen, dass so gar keine sentimentalen Gefühle aufkommen wollten. Es war einfach nur ein Gebäudekomplex, in dem ich mich noch gut auskannte, mehr nicht. Genauso verhielt es sich mit der Stadt und dem Gebäude der Staatsanwaltschaft, das hässlich wie immer aussah. Der freundliche Oberstaatsanwalt, bei dem ich als Referendar gelandet war und dem ich sehr dankbar bin, war längst pensioniert. Es gab hier nichts mehr, das mich gefühlsmäßig mit dem Ort verband. Einzig die Schlangenskulptur beim Eingang ließ mich etwas lächeln. Die Schlange als Wahrzeichen dieser Behörde traf genau meinen schwarzen Humor.
Zurück zur Bürovorsteherin: Mittwochs und Donnerstags machte ich einen selbst gekauften Schnelltest für die Nase, am Freitag nutzte ich den Arbeitgebertest, leider ein Spucktest. Es ist übrigens gar nicht so einfach, in so ein Behältnis zu spucken … . Noch dazu vor Arbeitskollegen. Joa, künftig werde ich 2x den vom Arbeitgeber gestellten Spucktest nutzen und die anderen 3 Tage meine eigenen Tests. Was für eine Geld- und Materialverschwendung.
An jenem Mittwoch zeigte sich die Bürovorsteherin offener, als mir lieb war. „Ob ich ihr auch wirklich nicht böse sei?“, fragte sie mich schon zum 2. Mal. Erneut verneinte ich, während ich mit dem Testbesteck hantierte. Wenige Minuten vorher hatte sie mir ihre Panik und ja Todesangst vor dem Corona-Virus gestanden; sie sei Risikokandidatin, habe sich seit der Pandemie eingeigelt mit ihrem Mann und habe sich so auf halbwegs normale Weihnachten gefreut, aber jetzt werde es sicher wieder einen Lockdown geben; sie bekäme ihre 3. Impfung nächste Woche und verstünde einfach nicht, warum sich die Leute nicht impfen lassen würden, es müsse eine Impfpflicht geben und sie habe große Angst, dass es hier noch Bilder wie aus Bergamo geben würde, ob ich das noch vor Augen hätte, mit all den Leichen auf der Straße … Das werde auch hier so kommen, wenn sich die Leute nicht impfen lassen würden.
Ein wenig ratlos verließ ich ihr Büro. Immerhin hatte ich jetzt eine Erklärung für ihr – ja auch teils barsches Verhalten die Tage mir gegenüber, und wie sie da so aufgelöst an ihrem Schreibtisch saß, tat sie mir Leid, aber was kann ich für die Ängste meiner Mitmenschen? Und gibt ihnen ihre Angst das Recht, Schikanen gegenüber anderen zu befürworten? Ich hoffe, sie beruhigt sich, wenn sie immerhin eine gewisse Kontrolle dadurch bekommt, dass sie meine täglichen Tests höchstpersönlich beaufsichtigt.
Sehr gute Laune hatte dagegen Scharfzahn. Auch Scharfzahn kann Impfverweigerer wie mich nicht ab und glaubt wohl auch nicht an die Zuverlässigkeit der Schnelltests, aber seit 3G am Arbeitsplatz und 2G in der Freizeit geht es ihr richtig gut. Na, so freut sich wenigstens einer hier.
Ich bin ein Gesellschafts-Terrorist! Jawohl, niemand Geringeres als der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Herr Frank Ulrich Montgomery, hat mein dunkles Wesen durchschaut.
Na, klar. So sind wir Ungeimpften eben. Über unser böses, verkommenes Wesen kommen wir einfach nicht hinweg. Da hilft auch keine Booster-Spritze gegen Asozialität. Herr Montgomery, von Haus aus Radiologe, hat uns mit seinem Röntgenblick glasklar durchschaut.
Wie wir – ja wie ich das mache mit dem Terrorisieren? => Ganz einfach: Ich gehe arbeiten wie immer, trage dort die Maske, halte Abstand, desinfiziere mir die Hände, lüfte und gehe abends nach Hause, und bleibe dort. Alle paar Wochen mal besuche ich meine Eltern, und insgesamt dreimal habe ich meinen Bruder plus dessen Freundin sowie einen gemeinsamen Kumpel plus in einem Fall davon zusätzlich einen weiteren Bekannten in diesem Jahr besucht (= 3 Treffen zu Dritt bzw. ein Treffen davon war zu viert, darunter ein Geimpfter). Und dann war ich doch glatt ab und zu durchschnittlich alle zwei Wochen im Supermarkt sowie Tanken und bin vielleicht 6x Joggen gegangen in diesem Jahr (erschreckend, ich weiß).
Und ja, ich bekenne mich weiter schuldig: Ich habe ein paar Mittagspausen alleine im etwas abseits gelegenen Park verbracht und mich zweimal mit einer geimpften Kollegin/guten Bekannten von der lokalen Konkurrenz freundschaftlich auf einen Kaffee getroffen auf einer Bank in der Innenstadt. Meine Nachbarn wollten mir dagegen trotz hartnäckiger Bemühungen leider nur sehr selten über den Weg laufen, obwohl ich mich pflichtschuldigst trotz meiner sozialen Scheu ab und zu abends runter zu meinem Keller geschlichen habe.
Wie man sieht, ist das Terrorisieren von 2/3 der Gesellschaft also ganz schön schwierig und ein echter Full-Time-Job.
Leider neidet man mir nicht nur in der Regierung und Ärzteschaft, sondern teilweise auch auf der Arbeit meine Macht über die Gesellschaft. Dank 3G ab dem 24.11.2021 am Arbeitsplatz musste ich meinem Chef und der Bürovorsteherin meine Verderbtheit offenbaren. Proaktiv habe ich dies letzten Freitag erledigt; mit silberner Zunge, unschuldiger Miene und kurzem Text während mir innerlich kotzübel war.
Ein Moment der staatlich erzwungenen Demütigung. Ich wollte immer schon mal meinem Arbeitgeber meine Schilddrüsenerkrankung nebst einer privaten Entscheidung, wie sie die Impffrage betrifft, offenbaren. Künftig sollten Arbeitgeber doch gleich die eigene Patientenakte nebst Interview mit dem Hausarzt bekommen, um ihrer Fürsorgepflicht und dem Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz effizienter nachkommen zu können. Wer nichts zu verbergen hat, hat ja nichts zu befürchten.
Leider habe ich sehr wohl etwas zu verbergen: Meine Vorerkrankungen und mein kritisches Wesen; auch meine Katzenhaiseele ist nichts, was in die Öffentlichkeit gezerrt und von allen Seiten betatscht gehört.
Zwar wurde ich nach meiner Beichte nicht zur Inquisition geschleift, aber die Hexenjäger sammeln sich und würden mich am liebsten zu Haifischflossensuppe verarbeiten.
Als Suppe habe ich für meinen Chef keinen Nutzen, weshalb ich von ihm einen gewissen Schutz bekomme. Zum Glück ist mein Chef politisch bemerkenswert desinteressiert, weshalb ihn die Aufgeregtheit und Wut der Hexenjäger mit ihren Mitläufern nicht erreicht und angesteckt hat. Dass politisches Desinteresse noch mal meine Rettung sein wird … . Sein Kommentar zu meiner Verderbtheit bestand dann auch in einem überraschten: „Wie 3G am Arbeitsplatz???“ und nach kurzer Erläuterung meinerseits (mein Chef verfolgt wohl auch keine Nachrichten) einem pragmatisch statt moralisch gemeinten: „Lassen Sie sich doch impfen, ist doch einfacher.“ …
Es ließ sich mit ihm alles leichter bereden, als gedacht. Auch Dank meines zurechtgelegten Textes und einer kleinen Notlüge. Wie die Diva aka der Illuminat mal kurzerhand mangels echter Argumente in einer denkwürdigen Situation 2021 zu sagen pflegte: „Sind ja schließlich keine normalen Zeiten.“ Joa, wo der Illuminat Recht hat … . Die Frechheit der Behauptung ersetzt manchmal eben doch den Mangel an Beweis. Das habe ich vom Illuminaten gelernt. ^^ Die Idee meines Chefs, auf die ich insgeheim gehofft hatte, ihm aber nicht selbst vorschlagen wollte, kam ihm von alleine. So wird es zwar lästig mit der täglichen Testung, aber nicht so extrem schikanös und bloßstellend, wie die Alternativen.
Im völligen Gegensatz zu meinem pragmatisch wirtschaftlich tickenden Chef sowie der mir sehr wohlgesonnenen Empfangsdame bei uns gäbe die Bürovorsteherin hier einen tollen Politkommissar ab. Selbstverständlich war sie bereits über 3G sowie die täglichen staatlichen Propagandameldungen Nachrichten informiert, als ich sie im Nachgang Freitag ebenfalls aufsuchte, um ihr mitzuteilen, dass ich an der Weihnachtsfeier wegen 2G im Restaurant nicht teilnehmen kann. Die Weihnachtsfeier wird vermutlich allerdings eh abgesagt, da vor mir schon viele Absagen kamen. Ganz der Moralrichter bestand ihre Reaktion in einem leicht vorwurfsvollen: „Wie Sie sind nicht geimpft?! Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte sie wären geimpft!“ . Mein Beschwichtigungsversuch stimmte sie nur wenig milde; die Testpflicht nur für Ungeimpfte fand sie klasse und als verdiente Strafe, ebenso steht für sie fest, dass alles Übel bei den Ungeimpften liege.
Als ich von ihr wegging, hatte ich nicht den Eindruck, dass meine Silberzunge mich bei ihr hat retten können. Da sind Hopfen und Malz verloren. Ich war gleichwohl ein wenig menschlich enttäuscht. Sie sollte mich doch nach all der Zeit kennen und ich habe keinen Virus angeschleppt. Infiziert hat sich bei uns nur der doppelt und dreifach geimpfte Anwalt, der primär im Homeoffice arbeitet. Und mein jüngerer, ebenfalls geimpfter Kollege war 2020 mal eine Woche in Quarantäne. Der feiert auch so vereinzelt mal den ein oder anderen Tag krank, damit er nicht krank wird, weshalb ich ihn insgeheim etwas spöttisch Schneeflocke nenne (ich kann ihn aber an sich durchaus gut leiden). Als Geimpfter ist er natürlich stets geschützt, weshalb Urlaubsflüge nach Griechenland im Sommer 2021 und regelmäßige vielfältige Sozialkontakte, auch durch den Sportverein, pandemisch kein Problem sind. Als Ungeimpfter wäre das gleiche Verhalten natürlich ein Sakrileg. Außerdem waren noch zwei Angestellte aufgrund der Nebenwirkungen der Impfung Pardon Impfreaktionen zwischendurch arbeitsunfähig krank. Mehr war an Coronaeinschlägen bisher nicht bei uns. Nun kommt 3G, dessen gesellschaftliche Sprengkraft hier den größten Einschlag verursacht.
Ich war noch keinen einzigen Tag krank oder z.B. wegen Quarantäne fehlend. Aber natürlich bin ich der potentiell gefährliche Seuchenherd bei uns, der jeden Tag auch ganz ohne Risikokontakt oder Krankheitssymptome neu per Test beweisen muss, dass er nicht virenverseucht ist. Für unsere Bürovorsteherin ist das alles logisch und folgerichtig. So viel zum Thema Solidarität und Vernunft.
Um das Ganze richtig absurd zu machen, rief sie mich diesen Montag an, um mich anzugiften, dass sie umgehend meinen Impfnachweis bräuchte wegen der 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz, die ab sofort gelten würde. … Perplex über so viel Bescheuertheit wies ich höflich auf meinen Ungeimpften-Status, unser Gespräch vom Freitag und auf den Umstand hin, dass 3-G erst ab Mittwoch gelte. Daraufhin pampte sie mich abermals an, dass 3-G ab heute (Montag) gelten würde. Ich habe ihr höflich-bestimmt widersprochen und letztlich hat sie wütend aufgelegt, nur um anschließend nebenan bei Scharfzahn anzurufen, die treu-doof meinte, dass 3-G natürlich ab heute gelten würde. Mir kamen kurz Mordfantasien. Einen Tag später meinte Scharfzahn zu ihrer anderen Kollegin, dass 3-G ja erst ab Mittwoch gelten würde, manche dächten, dass hätte schon ab Montag gegolten. Manche Menschen … . Meine Arbeitsstelle ist leider zwischenmenschlich ein Hort des geballten Irrsinns. Ich habe mir mühsam weitgehend abgewöhnt, über die Logik der komischen Verhaltensweisen meiner Umgebung dort nachzudenken und einen Sinn darin zu suchen, aber am Montag war ich echt wütend. Dieser Tonfall und die ganze Art und Weise. Dass erwachsene Menschen sich so wenig im Griff haben am Arbeitsplatz. Eine Entschuldigung fürs unberechtigte Anpampen wird natürlich nicht kommen.
So, morgen früh (bzw. eher inzwischen heute) kommt der Moment der Wahrheit. Boah, mich stresst dieser 3-G-Quatsch hier echt sehr. Aber zum Impfen lasse ich mich so sicher nicht nötigen. Dann bleibe ich lieber das personifizierte Übel der Gesellschaft.
Ich weiß nicht, wie weit der Schutz durch meinen Chef reicht und wie verlässlich der vorläufige Kompromiss ist. Das werde ich in ein paar Stunden live testen „dürfen“. Einen gewissen Aufschub bekomme ich noch, weil ich erst auswärts zu einer Gerichtsverhandlung fahre (meinem alten Ausbildungsort als Referendar, an dem ich seitdem nicht mehr war), bevor ich mich dem realen politischen und menschlichen Irrsinn an meiner Arbeitsstelle stellen muss. Mir ist seit Tagen schlecht bzw. habe ich sozusagen „Bauchschmerzen“, mal wieder – wie so oft seit meiner Einstellung.
Ein kleiner Lichtblick dürfte aber das Wiedersehen meiner alten Ausbildungsstelle werden. An den Ort sind so viele Erinnerungen und viele Gefühle geknüpft (bei mir ist das sehr stark an Orte gebunden). Mir ging es im Referendariat meistens dreckig; Zukunftssorgen und Prüfungsängste waren mein ständiger Begleiter. Ab und zu gab es Lichtblicke, wobei das drohende Staatsexamen alles überschattet hat.
Nun kehre ich dorthin zurück als Anwalt, mit anderen Sorgen und in gänzlich anderer Rolle. Das fühlt sich merkwürdig an, aber vielleicht kann ich so endgültig von jenem Ort Abschied nehmen. Vielleicht fahre ich an meinem alten Wohnort vorbei. So viele Jahre … . Ob der eine Richter und der Rechtspfleger noch beim Gericht arbeiten? Die beiden waren gemeinsam mit ein paar anderen sehr in Ordnung menschlich.
Auch das hässliche Gebäude der Staatsanwaltschaft gegenüber mit dem Schlangensymbol werde ich wiedersehen. Ob es dort im Eingangsbereich immer noch nach Cannabis riecht? Genialerweise hatte man dort nämlich die Entlüftung für die im Keller liegende Verbrennungsanlage über den Haupteingangsbereich nach Draußen geführt, so dass jeder Besucher der StA, der zu richtigen Zeit vor Ort war, den süßlichen „Schweißgeruch“ in der Nase hatte. *fg* Es gab aber inzwischen wohl größere Umbaumaßnahmen, sodass ich gespannt bin, was mich dort erwartet.