Geimpft

Heute habe ich mich kurzerhand beim Arzt impfen lassen. Jetzt kann ich die Frage: „Sind Sie geimpft?“, die zum neuen „Zweifeln Sie etwa an dem Endsieg?“ geworden ist, beruhigt bejahen.

Meine spontane Impfbegeisterung wurde kürzlich durch ein Novum in meinem Berufsalltag geschürt, aber anders, als die werten Leser jetzt denken mögen:
Als ich pünktlich kurz vor Beginn der Strafverhandlung mit meinem Mandanten den Verhandlungssaal betrat und mich gerade an meinen Platz setzen wollte, stoppte mich die schneidende Frage der Richterin: „Ist jemand hier nicht geimpft?“.

Ein wenig verunsichert hob außer mir noch eine Dame die Hand.

Mein verwundertes Gehirn suchte nach einer Erklärung für diese Frage. Es ist nämlich so, dass sich bislang in keiner Verhandlung, an der ich während der Pandemie teilgenommen habe, je ein Richter für den Impfstatus der Teilnehmer interessiert hätte.

Nun war es just bei dieser Strafverhandlung so, dass das Gericht aufgrund der großen Zahl der Verfahrensteilnehmer und der Mindestabstände gezwungen war, außerhalb des ehrenwerten Gerichtsgebäudes nach einem (corona-)geeigneten Verhandlungsort zu suchen. Die Wahl fiel auf den Ratssaal der Stadt.

Ich überlegte, ob die Frage der Richterin etwas mit unserem ungewöhnlichen Verhandlungsort bzw. irgendwelchen dort speziell geltenden Auflagen zu tun haben könnte, auch wenn es irgendwie keinen Sinn ergab, Ungeimpfte dabei zu erfassen. Aber es kam nur die Aufforderung, dass die Ungeimpften ihre Tische weiter weg ziehen sollten. Mein Mandant konnte allerdings neben mir sitzen bleiben und wir waren uns eh beide einig, die Masken während der Verhandlung aufzulassen. Bis auf einen Schöffen waren wir damit die einzigen.

Das an sich war mir soweit egal, aber die Richterin machte anschließend sinngemäß die Bemerkung in die Runde, dass sich inzwischen ja jeder hätte impfen lassen können und wer das unvernünftigerweise bislang nicht getan hätte, sei quasi selbst Schuld, darauf könne sie keine Rücksicht nehmen.

Ich mutmaße mal wohlwollend, dass sie es so meinte, dass sie keine allgemeine Maskenpflicht während der Verhandlung anordnen wollte, und eine Maskenpflicht als Schutz primär für Ungeimpfte gesehen hat. … Nun ja, mir ist das echt egal, aber durch den framenden Kommentar von ihr kam ich mir ein bisschen wie ein Aussätziger vor.

Immerhin war das der einzige negative Ausreißer der Richterin. Ansonsten hat sie ihre Sache gut gemacht und auch das Urteil war angemessen und für den Mandanten erfreulich; vom Strafmaß her lag es am untersten Rand und die Sache hätte für den Mandanten auch deutlich schlimmer kommen können.

Das Thema „ungeimpft“ zog sich aber leider auch durch die Sitzungspause vor der Urteilsverkündung. Ein mir vom Sehen her flüchtig bekannter Kollege, Verteidiger des weiteren Angeklagten, sprach mich glatt an: „So, Sie sind also nicht geimpft?! … Liegt es an Ihrem jungen Alter?“. Der Tonfall wirkte freundlich, aber der Inhalt?

Ich war verdutzt, weil ich altmodisch erzogen, die Frage nach dem Impfstatus ungefähr auf der Privatheitsstufe empfinde, wie Fragen danach, ob man schwanger sei/chronische Krankheiten hätte etc.. Irgendwelche Grundsatzdiskussionen mit dem Kollegen oder ein Hinweis der Art: „Was zum Teufel geht Sie das an?!“, wären aber völlig fehl am Platz gewesen.

So entschied ich mich, die Flucht nach vorn‘ anzutreten und erklärte vorsorglich, dass ich kein Impfgegner sei, aber aufgrund von einer Autoimmunerkrankung noch etwas mit der Impfung warten wollen würde; ich hätte eben Sorge, dass die Impfung negative Auswirkungen auf meine Autoimmunerkrankung haben könnte und würde mein persönliches Ansteckungsrisiko für Corona aufgrund meiner Lebensweise als gering ansehen, was ich dann noch kurz etwas näher ausführte.

Damit hatte der Kollege nicht gerechnet. Offenbar klang meine Erklärung für ihn nicht so extrem unvernünftig, wie mich die Richterin mit den anderen Ungeimpften unnötigerweise „mal eben so“ freundlicherweise dargestellt hatte.

Letztlich ging das Gespräch gut aus, aber ich finde es gleichwohl nicht in Ordnung, dass ich und andere Ungeimpfte nun faktisch gezwungen sind, entweder kurzerhand mit irgendwelchen echten Spinnern in einen Topf geworfen zu werden, oder uns zu höchstpersönlichen, intim-privaten Entscheidungen bzgl. der eigenen Gesundheit erklären zu müssen. Was geht denn andere an, dass ich eine Autoimmunerkrankung habe, plus all die weiteren persönlichen Gründe, die ich schon unter den Tisch habe fallen lassen?

Wie ich die aktuelle politische Stimmungsmache gegen Ungeimpfte liebe. Auf meiner persönlichen Liste ist dadurch ein Grund mehr dazu gekommen, warum ich mich nicht zu einer der aktuell vorhandenen Corona-Impfungen nötigen lassen werde. Denn immer, wenn jemand einen bei einer höchstpersönlichen Entscheidung unter Druck zu setzen, zu überreden oder sonstwie ungut zu manipulieren versucht, hat derjenige ganz sicher nicht dessen Wohl im Sinne.
Jemand, der mein Wohl im Sinne hat, würde mir stattdessen helfen, selbst eine für mich gute Entscheidung treffen zu können, auch wenn sie nicht in seinem Sinne ist.

Für viele mag es die richtige Entscheidung sein, sich mit den gängigen Corona-Impfstoffen impfen zu lassen, für andere nicht.

Sehr vorbildlich war immerhin die Ärztin, bei der ich heute als neuer Patient war. Das eigentliche Anliegen war reibungslos und es kam keine Frage nach der Corona-Impfung samt moralischer Ächtung. Statt der Corona-Impfung war vielmehr die Grippe-Impfung relevant:
Nachdem ich ihre Frage, ob ich gegen Grippe geimpft sei, verneint hatte, fragte sie, ob ich die Grippeimpfung haben möchte, was ich spontan bejahte. Seitdem bin ich nun geimpft, wenn auch nicht so, wie die führenden Politiker und andere Bestimmer das gerne hätten. Katzenhaie sind eben ähnlich wie Esel: Eigenwillig.

8 Kommentare zu „Geimpft“

  1. Ich kann dich gut verstehen. Nach langem Zoegern habe ich mich impfen lassen, wobei mir am meisten geholfen hat, dass ich mich zu der Zeit nicht dazu genoetigt gefuehlt habe. Jetzt werden Ungeimpfte hierzulande benachteiligt, ab Oktober werden ungeimpfte Beamte suspendiert und auch ich haette meinen Job verloren, weil ich in einem Verkehrsbetrieb beschaeftigt bin. Wo ich die Sicherheit mehr bedrohe wenn ich in meinem Buero sitze, ist mir nicht klar, wenn ich an Angestellte in der Hotel- und Gastronomiebranche denke.
    Ich bleibe gern bei den Fakten und es ist Fakt, dass der Impfstoff immer noch mit einer Notzulassung verteilt wird und es keine langjaehrigen Erfahrungswerte dazu gibt. Es ist ein Experiment. Jeder, der sich darauf nicht einlassen will, aus welchen Gruenden auch immer, hat mein Verstaendnis.
    Und die vorherrschende Propaganda gegen „die bloeden Impfgegner“ macht mir ein wenig Angst. Wie war das nochmal mit freier Meinung? Da braucht man kein Verschwoerungstheoretiker sein um zu vermuten, dass monetaere Interessen hinter der Maschinerie stecken.
    Alles Gute dir! 🙂

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    1. Danke, dein Verständnis bedeutet mir etwas. 🙂

      Diese Propaganda, wie du so passend sagst, macht mir auch Sorgen. Die gesellschaftliche Spaltung wird massiv befeuert und die Politik und andere, die eigentlich vermitteln sollten, mischen fleißig mit.

      Ich wäre auch dafür, dass man mal die ganzen Emotionen rausnimmt, und wirklich einfach nüchtern auf die Fakten schaut. … Im Moment haben mir zu viele „Extremdenker“ das Sagen, egal, ob nun echte Corona-Leugner oder die Impf-Taliban.

      Vieles erinnert mich extrem negativ an die Handhabung der „Flüchtlingskrise 2015“ hier, als jede kritischen Meinungen dazu massiv auch mit Hilfe der Medien bekämpft und Menschen mundtot gemacht worden sind.

      Schade, dass es bei euch auch so bzw. noch krasser läuft. 😦

      Ich wünsche dir auch alles Gute -und ein dickes Fell gegen das derzeit frostige Klima in der Gesellschaft.

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  2. Diese Impfung ist keine bloße Privatsache, sie hat auch eine gesellschaftliche Ebene. Fakt ist, die Impfung schützt in jedem Fall vor schweren Krankheitsverläufen. Fakt ist weiter, es gibt außer medizische Indikationen wie in deinem Fall keinen vernünftigen und vor allen der Allgemeinheit gegenüber verantwortbaren Grund, sich der Impfung zu verweigern. Wer es dennoch tut – wir sind ein freies Land – der muss in Kauf nehmen, dass seine Mitmenschen wiederum so frei sind, ihn mit Recht zu maßregeln.

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    1. Soweit ich weiß, wird die Impfung auch im Falle von Autoimmunerkrankungen wie bei mir empfohlen, jedenfalls stellt meine Autoimmunerkrankung nach offiziellem Stand derzeit keine Kontraindikation gegen die Impfung dar.

      Insofern mag ich aus Sicht vieler unvernünftig handeln, indem ich mich derzeit nicht impfen lasse, aber ich habe schmerzhaft gelernt, bei persönlichen Belangen -gerade bzgl. der eigenen Gesundheit- auf meine Intuition zu hören. Und die rät mir derzeit von der Impfung ab.

      Abgesehen davon überzeugen mich Phrasen wie (sinngemäß):
      … gibt zwar Nebenwirkungen, auch schwerwiegende, die aber super selten sind, nur ein paar Pechvögeln treffen und ein bisschen Schwund ist eben immer, alles in allem überwiegt der Nutzen der Impfung

      nicht sonderlich.

      Ich finde es auch zu kurz gedacht, nur den Nutzen der Impfung gegenüber dem Risiko von (schwerwiegenden) Nebenwirkungen abzuwägen. Man muss ja auch das individuelle Erkrankungsrisiko + das individuelle Risiko eines schweren Erkrankungsverlaufs miteinkalkulieren.
      Und das passiert nicht bzw. alles andere als neutral-wissenschaftlich, so mein Eindruck. Es wird eben alles, auch vernünftige Einwände, dem Oberziel untegeordnet, auf Teufel komm‘ raus so viele Menschen wie möglich impfen zu können, egal ob das für die als Einzelschicksal wirklich sinnvoll oder gar schädlich ist.

      Das mag etwas plakativ formuliert sein, aber wie mächtig der politische Wille ist im Mundtotmachen Andersdenkender, das habe ich 2015 plus Folgejahre eindringlich beobachten können.
      Jetzt angesichts der Pandemie zeichnet sich das gleiche Muster ab. Ich finde das von einer vernunftgeprägten Warte aus so unfassbar wie ethisch abartig. Aber gut, die Welt ist eben, wie sie ist.

      So frei ist die Meinungsfreiheit in diesem Land nicht mehr m.E.. Und wenn es dann auch noch just vernünftige Einwände betrifft, die anstatt sachlicher Auseinandersetzung mittels persönlicher Verächtlichmachung und moralischer Abstrafung bedacht werden, wird es bedenklich.

      Zitat:
      „Diese Impfung ist keine bloße Privatsache, sie hat auch eine gesellschaftliche Ebene.“

      Das bestreite ich nicht, umso wichtiger ist es aber für eine liberale Gesellschaft, wenn sie es ohne Schnappatmung und kollektiver Ausgrenzung aushält, dass man über die Frage Impfung Ja/Nein geteilter Meinung sein kann und sich manche eben nicht impfen lassen möchten.

      Maßregeln ist da imho nicht angebracht; das machen Eltern mit ungezogenen kleinen Kindern, aber nicht der Staat mit mündigen Bürgern.

      Außerdem hat es sich gerade in der deutschen Geschichte nicht bewährt, nach eigenem Gutdünken Minderheitengruppen zu definieren und diese zu Sündenböcke für die allgemein negative Situation im Lande zu erklären und auch seitens der Regierung der Bevölkerung einzubläuen, dass diese Betroffenen Menschen 2. Klasse wären, denen man sich überlegen wähnt aufgrund der eigenen vermeintlich moralisch erhabeneren Position.

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      1. Danke für deine ausführliche Stellungnahme. Du bist so frei, dich nicht impfen lassen zu müssen, mit dem Risiko, dich selbst und andere zu infizieren. Mit dieser deinen Worten nach nicht Vernunfts- sondern Intuitions-orientierten Entscheidung trägst du das Risiko, dich selbst und ungewollt auch andere zu infizieren, letzteres jedenfalls in einem größerem Umfang als ein geimpft-infizierter Mensch. Es ist dies dein gutes Recht. Das Recht, die Pflicht und die Freiheit der Politik, die sich in solchen Fragen an den Stand der medizinischen Erkenntnis orientieren muss, ist, damit im Interessse der Pandemiebekämpfung umzugehen.

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