Lebwohl

Die letzten Monaten waren im Grunde wie üblich. Vor einer Weile teilte Chef 1 überraschend mit, dass ab sofort Chef 2 die Geschäftsführertätigkeit übernimmt. Auch über die Urlaubsanträge sollte explizit künftig Chef 2 entscheiden.

Bei dieser doch etwas überraschenden Mitteilung dachte ich mir noch nicht viel – ich war sogar erleichtert, dass die Urlaubsdurchsetzung künftig ein ganzes Stück unkomplizierter ablaufen würde. Ein wenig wunderte ich mich, warum „die Diva“, die doch sonst so großen Wert darauf gelegt hatte, die Urlaubsanträge höchstselbst vorgelegt zu bekommen und auch sonst gerne „mittendrin“ war, nunmehr so bereitwillig sogar auf die Geschäftsführertätigkeit insgesamt verzichtete. Vage vermutete ich, dass es Chef 1 doch etwas viel Arbeit geworden sein könnte.

Die Arbeit ging ihren gewohnten Gang. Wie üblich waren alle recht eingespannt arbeitsmäßig. Dank der Arbeit ist die Pandemie quasi geräuschlos an mir vorbeigegangen, da ich zynisch gesagt entweder gearbeitet oder mir Gedanken um die Arbeit gemacht oder mich von der Arbeit erholt habe.

Diese Woche sollte Chef 1 eigentlich im Urlaub sein, wobei er in der Vergangenheit meistens doch aufgetaucht ist, um ein paar Sachen abzuarbeiten. Beim allerersten Mal hat er mich damit reichlich verwirrt, da er in meinem etwas autistisch gepoolten Gehirn als „hat Urlaub = ist nicht anwesend“ gespeichert war. Sein wiederholtes Auftauchen trotz Urlaubs war für mich ein wenig wie ein Fehler in der Matrix, aber ich habe mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt.

Heute eröffnete Chef 2 mir und meinem Kollegen kurz vor Feierabend, dass Chef 1 aufgehört hat. Er werde noch seine Mandate abarbeiten, die nicht delegiert werden, und zum Herbst 2021 komplett aufhören. Im Anschluss besprachen wir noch ein paar organisatorische Dinge. Ich weiß nicht recht, was ich von all dem halten soll, und ob sich meine konkrete Arbeitssituation dadurch nun (mittelfristig) verschlechtert, verbessert oder von all dem recht unberührt bleibt. Immerhin war Chef 2, der von der Diva wohl selbst erst kürzlich informiert worden war und über die Gründe offenbar kaum mehr als wir wusste – nämlich de facto nichts abseits von Spekulation -, relativ unforsch und „handzahm“ im Gespräch. Für ihn ist das Ganze wohl auch ein Schock.

Nachdem die anderen schon gegangen waren, lief mir die Diva über den Weg – offenbar gerade erst in den heiligen Hallen eingetroffen. Noch etwas verblüfft sprach ich sie auf ihren Weggang an. Mir fehlt die Übung mit solchen Situationen. Irgendwie bin ich intuitiv davon ausgegangen, dass die Diva wegen Überarbeitung aufgehört hat, und nicht z.B. wegen einer schweren gesundheitlichen Erkrankung wie etwa Krebs.

Ich hoffe, dass ich die richtigen Worte getroffen habe. Zumindest war die Diva nicht böse, sondern wirkte einfach nur entgegen ihrer üblichen strahlenden Art ein wenig in sich gekehrt, ruhig (fast defensiv und gar nicht kämpferisch), ein wenig müde und nachdenklich. Die Antworten waren etwas nebulös, was nicht so ganz ihre Art ist, aber allzu direktes Nachfragen wäre unangemessen gewesen, obwohl mich der Grund natürlich interessierte. Da ich schlecht im Drumherumreden bin, habe ich das auch so in etwa gesagt.

Letztlich bleibt nur Spekulation. Ich tippe auf eine Mischung aus (anhaltender) Überarbeitung, evtl. gepaart mit der Erkenntnis, dass das Leben endlich ist, und gewissen Zwistigkeiten mit ehemaligen Mitgesellschaftern (laut Diva ausdrücklich nicht mit Chef 2). Was sich da genau abgespielt hat, weiß ich nicht. Da die Diva sehr für ihre Arbeit brennt (gebrannt hat?) und seit vielen Jahren praktisch unangefochten tonangebend ist in der Kanzlei, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie sich einzig von solchen internen Reibereien – noch dazu mit längst aus dem aktiven Betrieb ausgeschiedenen – Personen dazu bringen lässt, das Handtuch zu werfen. Es werden sicher auch gesundheitliche Gründe reingespielt haben. Ich hoffe nur, es ist nichts Irreversibles, da die Entscheidung der Diva offensichtlich auch von ihr erst vor Kurzem getroffen worden ist. Und so alt ist die Diva auch noch nicht. So ca. 5-10 Jahre wären rein altersmäßig noch gut drin.

Auch wenn der finale Abschied noch aussteht und es der Diva im Ruhestand gesundheitlich definitiv besser gehen dürfte, bin ich doch tatsächlich ein wenig traurig. Abschiede sind einfach nicht mein Ding. Ich habe ihre spezielle, teils stressende sowie durchaus auch etwas exentrische, meistens aber auch charmante und auf eigenwillige Weise offene Art irgendwie liebgewonnen.

Zwar habe ich soweit nicht vor, die Kanzlei zu verlassen, und beruflich aktuell auch keinen realistischen, von mir auch gewollten Plan B, aber mit dem Weggang der Diva mindern sich die Vorteile, welche mir die Kanzlei subjektiv bietet, doch ein ganzes Stück. Man könnte auch sagen, dass meine emotionale Bindung dorthin abgenommen hat. Das gewinnende, unerschrockene Wesen der Diva und ihre fachliche Expertise werden der Kanzlei definitiv fehlen.

Unschlüssig bin ich hinsichtlich der sich nun für mich ergebenden Veränderungen. Die Chancen für eine Partnerschaft in der Kanzlei sind einerseits größer geworden, andererseits strebe ich die eigentlich nicht an.

Einen Vorteil hätte die Partnerschaft für mich allenfalls, wenn die Konditionen als Angestellter schlechter wären. Das ist momentan noch nicht gut einschätzbar. Wenn ich eh den ganzen Tag dort arbeiten muss, wäre die Partnerschaft ironischerweise sogar eine Verbesserung meiner Work-Life-Balance, mit mehr Freiheiten im Arbeitsalltag. Hm, mal sehen.

Der Diva wünsche ich alles Gute und einen wohlverdienten Ruhestand! … Hoffentlich ist sie nicht doch schwerkrank.

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