
Vor ein paar Wochen als ich zu Besuch bei meinen Eltern war, kam das Gespräch auf ein mit meinen Eltern befreundetes Ehepaar und deren zwei Söhne.
Beiden Söhne ist vor vielen Jahren Asperger-Autismus diagnostiziert worden. Neu ist mir das nicht. Ebenso wenig, dass es die ein oder andere Ähnlichkeit zwischen Eigenarten bei ihnen und bei mir gibt; Dinge, von denen ich sonst niemanden kennengelernt habe, der das von sich kennt. Andererseits muss das nichts bedeuten. Umgangssprachlich gilt man schnell als „autistisch“ . Ein wenig scherzhaft haben mich meine Eltern früher so tituliert. Das war keineswegs abwertend gemeint und die Alternativbezeichnung für sagen wir mal „auffällig abweichendes Verhalten“ meinerseits war ansonsten das Zauberwort „introvertiert“, gerne gepaart mit „sensibel“ .
Also jetzt von den liebevoll gemeinten Ausrücken meiner Eltern dafür. ^ ^
Mein Vater hatte dafür teils auch andere Bezeichnungen, wie „verstört“ , „unnormal“ , „soll sich nicht so anstellen!“ oder auch „verhalt‘ dich doch mal wie andere in deinem Alter!“ .
Ihm ist zugute zu halten, dass hinter diesen Sätzen paradoxerweise seine Sorge stand, dass ich in der Gesellschaft zum „merkwürdigen“ Außenseiter heranreifen und es gerade auch bei Gleichaltrigen schwer haben könnte, wenn ich zu sehr auffalle als „anders“ .
Ab Volljährigkeit habe ich Dank der mir da erst so richtig uneingeschränkt offenstehenden Möglichkeiten über viele Jahre immer mal für mich versucht herauszufinden, ob und was denn nun mit mir von Grund auf verkehrt ist. Asperger Autismus war mit eines der ersten Möglichkeiten, neben banaler Introversion und Verträumtheit. Autismus zog ich in die engere Auswahl, verwarf dies jedoch später wieder, weil ich mir dafür einfach insgesamt zu unauffällig unter Menschen vorkam. Was noch passte war die Möglichkeit, dass ich einfach einen etwas ausgeprägteren schizoiden Persönlichkeitsstil habe, aber auch da bin ich mir heutzutage nicht mehr so sicher. Gut möglich, dass ich auch einfach ganz normal bin. Irgendwann habe ich die Suche nach Antworten auch zu den Akten gelegt. Es war für mich nicht mehr von so entscheidender Wichtigkeit, eine Antwort zu finden, was möglicherweise sogar als Zeichen von Heilung alter Verletzungen und Verunsicherungen gewertet werden kann. Allerdings hatte es auch pragmatische Gründe. Nach dem Studium verschiedener Fachliteratur war ich zu dem unbefriedigenden Ergebnis gelangt, dass man es bei mir wohl auch nicht mehr genau feststellen könne, was es nun ist (oder war). Dazu kommt, dass ich die Skepsis und „natürliche Scheu“ meiner Eltern gegenüber Therapien und Therapeuten teile; mir ist das einfach zu privat und letztlich muss man sich im Leben eh selbst helfen.
Als nun bei meinen Eltern das Gespräch auf diese beiden autistischen Söhne fiel, habe ich meine Mutter zu meiner eigenen Überraschung zum ersten Mal in meinem Leben einfach direkt gefragt, ob ich ihrer Meinung nach Asperger-Autismus haben könnte.
Als wäre das die selbstverständlichste Frage überhaupt, erwiderte meine Mutter nüchtern: „Du hast da auf jeden Fall etwas von, aber du hast das nicht so ausgeprägt wie meine ehemalige Arbeitskollegin.“
Besagte Arbeitskollegin ist naheliegenderweise (erst spät) diagnostizierte Asperger-Autistin und hatte es am Arbeitsplatz zwischenmenschlich etwas schwer, mit meiner Mutter hat sie sich wiederum auf Anhieb gut verstanden; die beiden sind inzwischen befreundet.
Nachdem ich die Antwort meiner Mutter vernommen hatte, fiel mir wieder ein, warum ich es so oft von vorneherein sinnlos finde, meinen Eltern zu bestimmten Themen Fragen zu stellen. Danach bin ich nämlich regelmäßig noch verwirrter und habe nur noch mehr Fragen, auf die ich keine ergiebige Antwort erhalte. So auch hier:
Auch mit Nachfragen wurde ich nicht schlauer. Meine Mutter wiederum fand, dass es doch völlig egal sei, ob ich nun Autist sei oder nicht, ich sei als Kind schon auffällig gewesen, aber sie habe keinen Sinn darin gesehen, mich testen zu lassen, da ich ja alles in allem klargekommen sei (bin ich nicht wirklich) und sie meine Auffälligkeiten nicht schlimm fand, getreu dem Motto: Jeder ist anders. Eine Diagnose würde bei mir heutzutage auch keinen Sinn ergeben, so meine Mutter weiter, das sei etwas für Härtefälle wie ihre Kollegin, welche die Diagnostik wegen ihrer beruflichen Einschränkungen/Probleme benötigt habe und nun frühverrentet sei.
Nachdem ich noch eine Weile darüber gegrübelt habe, ob ich nicht doch einfach besser jetzt als nie oder in späteren Jahren eine Diagnostik anstreben sollte, um nur für mich Gewissheit zu haben, habe ich es verworfen. Vielleicht ein Fehler. Vielleicht erspart es mir auch unnötiges Leid.
Im schlechtesten Fall im Nachhinein zu erfahren, dass eine Vielzahl meiner Probleme von klein an sozusagen nicht so hätten verlaufen müssen, würde mich auch nachträglich frustrieren. Das habe ich ja nicht einmal bzgl. meiner jahrelang von Ärzten übersehenen Hashimoto-Erkrankung mit Schilddrüsenunterfunktion vollständig verwunden. Bei der Hashimoto-Sache komme ich damit solange bestens klar, wie ich nicht über die Vergangenheit mit dem Wissen von Heute nachdenke. So viel dazu. Man soll eben nach vorn schauen, nicht zurück.
Und umgekehrt würde mir das Ergebnis, dass kein Autismus vorliege, auch nur wenig weiterhelfen, weil es geradezu der Klassiker ist, dass erwachsene Asperger-Frauen oft zu unauffällig (geworden) sind, um erkannt zu werden. Das würde mir auch immer dabei im Hinterkopf rumspuken. Zumal ich Zeit meines Lebens enorm viel Energie in das „Imitieren“ und „Anpassen“ bzgl. dieses ganzen zwischenmenschlichen Verhaltens gesteckt habe. Meine Familie hat darauf ihrerseits großen Wert gelegt. Ich könnte gar nicht mehr sagen, wie ich ursprünglich war. Es wäre auch irgendwie peinlich, wenn all meine Bemühungen normal zu sein nach Außen hin letztlich selbst im Erwachsenenalter doch nicht ausreichend wären.
Und sofern es zutreffend wäre, dass kein Autismus bei mir vorliegt (was durchaus sein kann), wäre der Aufwand irgendwie überflüssig.
