Vergangenheit

Eigentlich hätte auch ein schwarzes Bild gut gepasst, aber wo Schatten ist, findet man bekanntlich auch Licht. Sonst hätte ich mich schon vor langer Zeit umgebracht.

Letzte Woche kam die Absage, mit der neuen Stelle wird es folglich nichts. Und weil das Leben einen eigenwilligen Sinn für Humor hat, lief es bei meiner aktuellen Stelle dafür besser. Der Stellenmarkt ist derzeit sehr überschaubar bzgl. Stellen, die für mich infrage kämen. Mein Gefühl hat mir deutlich gesagt, dass es die weitere Stellensuche momentan für Unsinn hält und ich es eher bis auf Weiteres weiter mit meiner aktuellen Stelle versuchen sollte. Immerhin kenne ich den Laden inzwischen. In eine andere Anwaltskanzlei zu wechseln, würde meine Situation wahrscheinlich kaum verbessern. Wenn würde sich der Wechsel in den öffentlichen Dienst lohnen. Passende Stellen vor Ort sind allerdings Mangelware. Ich werde weiter die Augen offen halten, aber bis auf Weiteres werde ich mit der Diva, dem Familienrecht & Co. weiterleben müssen.

Diese Woche hatte ich Urlaub, wovon ich aus verschiedenen Gründen etwa die Hälfte bei meinen Eltern und den Katzen verbracht habe. War angenehm, bis auf das Essen. Bei dem Wetter hätte mir eher der Sinn nach kaum etwas essen gestanden. Mit der Histaminintoleranz gab es ein paar Probleme, wodurch ich zwei Tage recht ausgeknockt war. An zwei anderen Tagen war meine Galle beleidigt, auch wieder zurück in meinen eigenen vier Wänden, weshalb mir insbesondere einen Tag ziemlich anhaltend schlecht war, worüber sich wiederum meine Waage gefreut hat. Immerhin: Übergeben habe ich mich nicht. Schon seit Ende Mai nicht mehr.

Ansonsten habe ich ausgiebig Red Dead Redemption 2 plus ein wenig Dead By Daylight gezockt und heute dann endlich mal meine Unterlagen aus dem Studium weitgehend weggeworfen. Zeitschriften, Mitschriften, Falllösungen, Schemata usw., weg damit. Ich mag es eigentlich nicht, solche Sachen wegzuwerfen, aber hinterher geht es mir immer besser und ehrlicherweise schaue ich in diese Sachen eh nie wieder rein. Für die Berufspraxis kann ich die Unterlagen ohnehin nicht gebrauchen. Das ganze Zeug wegzuwerfen, war gut. Eigentlich sollte ich noch viel mehr entsorgen. Freiheit für die Seele, weg mit dem Ballast.

Leider kann ich es nie ganz verhindern, dass beim Aussortieren meine Gedanken in die Vergangenheit abdriften. Ungünstigerweise sind damit auch untrennbar die alten Gefühle verknüpft. Zwar nur als schwacher Abglanz, trotzdem zieht mich das jedes Mal zuverlässig runter. Egal, ob es Erinnerungen an die Kindheit, an die Schule, an das Studium, an das Referendariat oder anderes aus der Vergangenheit sind, mich deprimiert das alles.

Dabei habe ich in der Vergangenheit durchaus auch viele schöne Erlebnisse gehabt. Außerdem ist die Vergangenheit für mich immer irgendwie, wie aus einem anderen Leben; fast wie das Leben einer anderen Person, die ich zufällig etwas näher kennengelernt habe, bevor sich der Kontakt verlaufen hat.

Meinem Gefühlsleben ist das offenbar völlig egal. Wenn ich an die Vergangenheit denke, schwanke ich zwischen der Sehnsucht, am besten einfach nicht mehr existent sein zu müssen und dem Wunsch, zurückzureisen und irgendetwas anders zu machen. Was genau, ist auch mir unklar.
Klar, mit dem Wissen von Heute hätte ich das ein oder andere anders gemacht, aber ex ante aus der damaligen Situation heraus, gibt es eigentlich nichts, das ich ausschließlich bereue. Trotzdem ist bei der Erinnerung an Teile meines früheren Lebens da dieser Gefühlsschlamm, der sich zuverlässig auf meine Seele legt und mein Gefühlsleben verdunkelt, wie früher schon so oft.

Wie geht es weiter mit dem Katzenhai?

Ich bin insgesamt sehr hin- und hergerissen, weil ich meine aktuelle Arbeit, meine Kollegen etc. und auch meine Chefs durchaus mag, trotz allem. Generell habe ich hier auch sehr viel gelernt, nicht nur fachlich und in punkto Selbstvertrauen. Insofern wird mir der Weggang zu einem kleinen Teil schwerfallen emotional.

Aber egal, Tigerhaie werden immer Tigerhaie bleiben, so wie ich immer ein Katzenhai bleiben werde. Es ist Zeit, sich unauffällig ein anderes Gewässer zu suchen. Die Tigerhaie werden mit den Fischschwärmen hier auch ohne mich zurechtkommen, selbst wenn sie dann wieder vieles selbst machen müssen und mehr Stress hätten.

Andererseits sind Tigerhaie ja gewissermaßen in ihrem Element, wenn es überall vor zu betreuenden Fischen nur so wimmelt und sie reichlich Beute vor Augen haben, selbst wenn sie dann dazu neigen, sich zu sehr zu verausgaben bei der Jagd. Ihre Gier treibt Tigerhaie zu großen, beeindruckenden Leistungen an, bringt sie aber langfristig schneller ins Grab.

Was macht man nun als Katzenhai, dem andere Werte für ein erfülltes Leben wichtig sind?

Aufgrund all der Ereignisse habe ich meine Zukunftsoptionen stark überdacht und mich auf eine Stelle im öffentlichen Dienst beworben. Dort würde ich in einem kleinen Rechtsteam arbeiten. Der Anwaltsberuf und damit auch Strafrecht etc. wäre dann Geschichte. (Familienrecht, all die menschlich völlig unsinnigen Rechtsstreitigkeiten sowie das „Hinterherlaufenmüssen“ hinter den Mandanten bzgl. der Hereinreichung von Unterlagen etc. würde ich dagegen absolut nicht vermissen.)

So sehr ich die Anwaltstätigkeit und die Vielfältigkeit im Zivil- und Strafrecht auch mag und ehrlich ein wenig vermissen werde, so sehr freue ich mich auf ein normales Arbeits- & Freizeitleben.

Die Stelle wird nach Tarif bezahlt, ist bereits jetzt besser vergütet als meine derzeitige Anwaltsstelle und Gehaltssprünge erfolgen dort „automatisch“. Ich will mir das Gejammer von Chef 1 und Chef 2 hier lieber gar nicht vorstellen, wenn ich in der Zukunft Gehaltserhöhungen thematisiere(n werden muss). Wo die Zahlung meines Gehalts sie bereits jetzt schon so schmerzt.

Die andere Stelle hat noch mehr Vorteile:
Die Stelle liegt nah bei meinen Eltern und den Katzen, die ich dann deutlich häufiger sehen könnte. Meine Eltern werden außerdem auch nicht jünger, ich mag sie sehr und so könnte ich ihnen künftig hier und da unter die Arme greifen, sie spontan besuchen ohne dort gleich übernachten zu müssen (was mir insgesamt schnell zu viel Fremdbestimmung ist und Fluchtimpulse auslöst).

Die Arbeitszeiten sind deutlich arbeitnehmerfreundlicher; ich hätte dadurch auch viel mehr Möglichkeiten, an Vereinssport vor Ort teilzunehmen. Und bestimmte Stressfaktoren aus dem Anwaltsleben in der Kanzlei würden gänzlich entfallen. Bestimmte Mandantenarten werde ich definitiv nicht vermissen – evtl. schreibe ich mal einen Blogbeitrag dazu; man weiß da oft echt nicht, ob man sich ärgern oder darüber lachen soll. ^^

Das Vorstellungsgespräch lief nicht schlecht, mein erster Eindruck vom dortigen Leiter des Rechtsteams war positiv und der Mensch wirkte durchaus sympathisch und hatte auch Humor; ich habe bei ihm ein gutes Gefühl.
Bei den Tigerhaien war dagegen damals so ein schwer greifbares „Störgefühl“, trotz eines an sich auch guten Eindrucks, der sich durchaus auch später bestätigt hat. Dort war und ist auch durchaus vieles gut, so ist das nicht. Leider kann ich solche Störgefühle oft erst viel später richtig zuordnen, wenn es nicht gerade extrem ist bzw. mein Gefühl dort nur negativ ist – und das war es ja gerade nicht bei den Tigerhaien. Ich bin ja auch kein Hellseher.

Auch wenn ich es nicht gedacht hätte, würde ich mich im Moment sogar ein bisschen auf einen Umzug + Ortswechsel freuen. Hier ist es nicht schlecht – aber woanders könnte es besser sein.

Meine Sorge ist natürlich, dass es woanders auch schlechter sein könnte. Zumal ich ein für mich bislang gänzlich unbekanntes Rechtsgebiet übernehmen würde, das eher im öffentlichen Recht liegt. Aber es wäre fachlich deutlich weniger breit gefächert und dadurch auch weniger stressig + leichter zum schnellen Einarbeiten. Ich finde es soweit fachlich auch durchaus interessant, wenngleich ich immer die konkrete praktische Arbeit darin brauche, um sagen zu können, ob das etwas für mich ist oder nicht.
Dass ich dort bislang keine Ausbildung habe, war zum Glück bei der Bewerbung kein Ausschlusskriterium und im Zweifel kann ich mich schnell in neue Rechtsgebiete einarbeiten und nach kurzer Zeit verantwortungsvolle, komplexe Mandate übernehmen und selbstständig führen, wie ich inzwischen von mir weiß; den Tigerhaien sei Dank.*lol*

Ein wenig unwohl ist mir trotzdem, weil es ein Sprung ins Ungewisse sein wird, wenn es mit der Stelle klappt. Aber derzeit überwiegt die Hoffnung.

Außerdem könnte ich mit anderen Arbeitszeiten, weniger Berufsstress etc. mehr aus meinem Privatleben machen und mir je nach neuer Wohnung auch selbst Katzen halten, sogar als Freigänger. Das wäre mir sehr wichtig, dass die Katzen nach Draußen gehen können. … Ich muss nicht unbedingt ein Haustier haben; aber wenn, möchte ich eine oder besser zwei Katzen haben.

Wie auch immer, erst einmal muss ich die Rückmeldung abwarten. Wenn ich eine Absage bekomme, hat sich das eh erledigt. Es gibt zwar noch mehr Stellenangebote und ich würde dann weitersuchen, aber am Wohnort meiner Eltern gibt es so gut wie keine passenden Stellenangebote. Dies war nach langer Zeit das einzige Angebot um genau zu sein.

Falls ich eine Zusage bekommen sollte, werde ich es riskieren. Meine Intuition sagt mir jedenfalls, dass ich die Chance dort dann ergreifen sollte. Die Verabschiedung von den Tigerhaien werde ich schon irgendwie überstehen und ich wüßte auch schon, wie ich es denen ohne zerschlagenes Porzellan verkaufen kann. Mir ist es wichtig, dort nicht im Streit zu gehen. Und die wahren Beweggründe anzusprechen, würde dort nur für beleidigte Reaktionen sorgen.

Im Moment kämpfe ich eh ein wenig mit einem schlechten Gewissen, weil bei meinem jetzigen Arbeitgeber niemand etwas von meinen „Fluchtplänen“ ahnt. Andererseits hätte ich nie Fluchtimpulse entwickelt, wenn meine Chefs ihre mündlichen Zusagen aus dem Einstellungsgespräch gehalten hätten und auch sonst anders mit mir umgegangen worden wäre, man mich eben auch nicht so völlig unnötig und gedankenlos bis eiskalt (wenn auch unbeabsichtigt) „verletzt“ hätte, nicht nur einmal. Es lässt sich hier im Blog schriftlich nur ansatzweise erklären, zumal ich hier auch nicht sämtliche kleinen aber bedeutsamen Details ausbreiten möchte. Im Moment mag ich auch nicht mehr weiter darüber nachdenken, sondern werde mich auf anderes konzentrieren und vom Warten bzgl. Zusage/Absage ablenken.