
Was würde ich für eine funktionierende Glaskugel geben, die mir meine Zukunft in zwei bestimmten Varianten in 24 Monaten zeigen könnte … .
In den letzten Wochen hat sich viel getan in meinem Berufsleben. Nach dem einen Konflikt mit Chef 1, in dem er mir klipp und klar eine Absage erteilt hat, dass die Arbeit etwas anders verteilt wird, einer Weile der stillschweigenden „Eiszeit“ bzw. des Ignorierens, danach vorsichtiger Wiederannäherung ist die Arbeit umverteilt worden. Kommuniziert hat mir das niemand, aber natürlich habe ich es mitbekommen, durchaus ungläubig-verwundert und sowohl erleichtert, als auch verwirrt. Wer mag, kann die Details in den letzten Beiträgen nachlesen.
Seitdem habe ich zwar weiter Überstunden gemacht und auch in dem von Chef 2 betreuten Rechtsgebiet gibt es sehr viel Arbeitsaufkommen – quantitativ mit großem Abstand am meisten von allen Rechtsgebieten – , aber die Arbeit dort mit ihm als Chef ist unkomplizierter. Dafür ist das Rechtsgebiet von den Beteiligten her mit Verlaub ätzend, ist eben Familienrecht. Die Alternative wäre mit Erbrecht aber deutlich schlechter gewesen von der Gesamtperspektive her bei meinem Arbeitgeber.
Ansonsten mache ich neben dem allgemeinen Zivilrecht sowie Familienrecht noch Bußgeldsachen, Strafrecht, teilweise Verkehrsrecht, teilweise Versicherungsrecht, teilweise Mietrecht, teilweise Erbrecht sowie bei Bedarf mitunter auch so „Sonderaufgaben“ wie bspw. Urheberrecht, Wettbewerbsrecht etc..
Einerseits kann man sich in erstaunlich viel bei Bedarf einarbeiten und ich finde ja anhand konkreter Fälle viele Rechtgebiete interessant, aber diese ganze Bandbreite abzudecken, wobei man gerade Familienrecht mit seinen Unterhaltsberechnungen nicht in der Ausbildung gelernt hat und sich erst als Anwalt beibringt etc., ist auch recht aufwendig.
Miet- und Erbrecht würde ich eigentlich auch gar nicht mehr machen müssen, aber ich habe noch ein paar Fälle aus dem Mietrecht vom Anfang mit ein- und denselben Mandanten, die ich auch noch zu Ende führen werde; ebenso wie eine umfangreiche Nachlasssache, die nun bald ihren Abschluss in der Beschwerdeinstanz vor dem OLG finden wird. Auf meine Schriftsätze dort bin ich durchaus stolz, da ich vom Erbrecht überhaupt keine Ahnung hatte, als ich die Sache von meinem Chef kurzerhand vor etwa einem Jahr – damals noch in erster Instanz – übertragen bekommen hatte. Es gilt dann, sich eben zügig mit der Materie vertraut zu machen und immerhin habe ich an dieser Sache auch durchaus Gefallen gefunden, auch wenn Erbrecht nie mein Steckenpferd werden wird.
Und weil ich diese Erbrechtssache aus Sicht meines einen Chefs so gut gemacht habe und er sehr angetan war, habe ich aus Dank vor einer Weile gleich noch eine komplexe Erbrechtssache bekommen. So richtig erfreut war ich darüber nicht, da mein Tisch eh mit lauter Fristensachen gefüllt war und eigentlich vor etwa einem 3/4 Jahr mit den Chefs abgestimmt worden war intern, dass mein Kollege Erbrecht macht … . Dafür hatte ich dann nämlich im Gegenzug Familienrecht übertragen bekommen, um Chef 2 zu entlasten.
Auch Familienrecht war etwas, mit dem ich so gar nicht vertraut war und das ich auch nie machen wollte. Inzwischen bin ich mit der Unterhaltsberechnung, Zugewinnausgleich usw. vertraut. Sowas lernt man nämlich alles nicht während der Ausbildung. Manchmal weiß ich auch nicht, ob ich das Vertrauen, mit dem meine Chefs mir früh in verschiedenen Rechtsgebieten komplexe, anspruchsvolle Sachen übertragen haben, positiv finden oder mich eher etwas ausgenutzt und ungut überfordert fühlen soll. Oft komme ich mir hier etwas wie der „Bedarfsfeuerlöscher“ vor, der von Brand zu Brand eingesetzt wird, ganz egal, was er sonst noch alles für Aufgaben hat. Zum Teil gehört das zum Los des Berufsanfängers, zum Teil liegt es an der „Gutsherrenhaltung“ meiner Chefs, die sich untereinander auch nie abstimmen, teils auch völlig andere Entscheidungen treffen, als zB mit mir abgestimmt; Mitarbeiterführung ist nicht deren Stärke. Immerhin wächst man mit seinen Aufgaben.
Hier ist im Zweifel eben alles völlig willkürlich. Der eine Chef macht so, weil ihm gerade danach ist, der andere Chef so; mit allen Vor- und Nachteilen. Was sollen sie da ihre Worte von gestern interessieren? Sicherheiten für Mitarbeiter sind völlig überbewertet./ Ironie
Nur meine Arbeitsbelastung, die wird gewiss hoch bleiben und damit auch meine Work-Life-Balance nicht gerade gut, selbst wenn vieles deutlich einfacher wird mit steigender Berufserfahrung. Und auch wenn es unter Chef 2 als Hauptchef einfacher ist, als unter der „Diva“.
Apropos „Diva“:
Chef 1 ist zu mir in letzter Zeit ausgesprochen freundlich, geradezu rücksichtsvoll. Im Moment ist er zum Glück urlaubsbedingt abwesend. Interessanterweise ist mit seiner Abwesenheit der Stresspegel bei allen (sic!) Mitarbeitern hier gesunken. Dafür hat mein junger Kollege nun die „Arschkarte“.
Chef 1 betrachtet ihn jetzt als seinen Leibeigenen „seine Arbeitskraft“ und kurz vor dem Urlaub von Chef 1 habe ich es erstmals miterlebt, dass mein sonst eher entspannter Kollege nicht pünktlich Mittagspause sowie pünktlich Feierabend gemacht hat, sondern stattdessen seinerseits Überstunden machen „musste“; auch zeigte er leichte Stresssymptome. Als ich das erstmals mitbekommen habe, habe ich einen Moment ungläubig mit gemischten Gefühlen innegehalten, bevor ich selbst noch kurz eine Sache fertigdiktiert habe und anschließend nach Draußen dann in den Park gegangen bin, um Mittagspause zu machen (was davon noch übrig war).
Für mich ist es seit meiner Einstellung vor ca. 1 1/2 Jahren Gewohnheit gewesen, die Mittagspause meistens mehr oder weniger zum Weiterarbeiten zu nutzen (ebenso wie ich selten pünktlich Feierabend gemacht habe), um überhaupt irgendwie mit der Arbeitsmenge zurande zu kommen.
Immer mit dem Risiko, dass Chef 1 letztlich die Zielpfosten mal wieder kurzerhand eigenmächtig heimlich verschiebt und mir im „Perspektivengespräch“ unerwartet vorwirft, das Tor nicht getroffen zu haben, auch wenn er mich kurz zuvor noch über den grünen Klee gelobt und seine generelle Zufriedenheit geäußert hat – und das Tor drei Meter weiter links stand. Mich macht so ein willkürlicher Zickzackkurs aus „Zuckerbrot & Peitsche“ bescheuert und der ewige Dauerschwebezustand verbessert meine Motivation überhaupt nicht.
Bzgl. der „persönlichen ReNo“ von Chef 1 – die als einzige ReNo nur für Chef zur Verfügung zu stehen hat und nirgendwo anders aushelfen darf, wie das hier eigentlich unter den anderen ReNos üblich ist – habe ich über den Flurfunk aufgeschnappt, dass sie diverse Überstunden im Umfang von insgesamt drei Wochen und noch ca. 20 Urlaubstage hat, die Ende des Jahres verfallen werden.
So wie die Ärmste aussieht, bräuchte sie diese Erholungszeit eigentlich dringend. Aber so gerne sich die „Diva“ als vermeintlich fürsorglich-verständnisvoller Arbeitgeber präsentiert, im Herzen betrachtet die „Diva“ ihre Untergebenen als Leibeigene und Kostenfaktoren, die gefälligst Gewinn erwirtschaften sollen. Am besten wäre es, wenn die Untergebenen überhaupt keinen Urlaub nähmen etc.. Die „Diva“ neigt eben dazu, sich selbst und andere als Arbeitskraft auszunutzen.
Eigentlich schade. Eigentlich mag ich die „Diva“ sogar auf ihre Weise. Nicht wegen ihres oberflächlichen Charmes und Scheinwerferlächelns, die sie bei Bedarf bei Mandanten, Richtern, Gegnern oder den eigenen Mitarbeitern einsetzt. Auch nicht wegen ihres „Reptilienblicks“, den sie auch bestens drauf hat, besonders, wenn sie angefressen ist (wenn man noch kann, sollte man ihr dann besser aus dem Weg gehen). Die „Diva“ ist der einzige Mensch, der es mit einem ruhig ausgesprochenen Satz schafft, dass Chef 2 wie ein kleiner Schuljunge wirkt; ich habe das einmal mitbekommen und die Art, wie die „Diva“ in dem Fall mit Chef 2 gespielt hat, fand ich sehr befremdlich … . So geht man nicht miteinander um.
Ich mag an der „Diva“ die fast kindlich anmutende Freude, wenn sie sich über einen erfolgreichen „Schachzug“ bei rechtlichen Streitigkeiten freut; die Durchsetzungsstärke nebst Entscheidungsfreude sowie die kleinen Eitelkeiten und beanspruchten Extrawürste, die sie irgendwo auch auszeichnen, ihre temporäre Einsatzfreude für ihre Untergebenen sowie Mandanten, wenn es gilt, diese gegenüber Dritten zu verteidigen, und ihre fachliche Kompetenz, an der sie einen bei guter Laune auch großzügig teilhaben lässt sowie sie manchmal selten auch Einblicke in ihre Schwächen nicht verhindern kann; der Arbeitsstress und ihre hohen Erwartungen stressen auch die Diva selbst.
Die „Diva“ kann bei guter Laune sehr umgänglich, großzügig-nachsichtig, lobend und ein interessanter, intelligenter Gesprächspartner sein, auch wenn man da trotzdem nicht zu vertraulich werden sollte. Schließlich ist das Ego der Diva hochempfindlich, am besten man schmeichelt ihr und bewundert sie, wo man es guten Gewissens ehrlicherweise kann. Katzenhaie sind ja auch nicht doof.^^
