
Der heutige Arbeitstag war mal wieder ganz großes Kino. Wenn mir das Ganze nicht chronisch psychosomatisch spürbar auf die Gesundheit schlagen würde, könnte ich darüber lachen.
Damit es mir heute vormittag angesichts der ganzen auf mich wartenden Arbeit auch ja nicht langweilig werden könnte, haben die anderen internen und externen üblichen Verdächtigen mich zusätzlich gut auf Trab gehalten. Ich komme mir in solchen Momenten vor wie eine Flipperkugel, die hin- und her gekickt wird, bis ihr fast schwindelig wird.
Chef 1 rundete den Arbeitstag wunderbar ab. Die letzte ReNo war gerade gegangen, als ich – nur 15 Minuten über meiner vertraglichen Arbeitszeit – abends die heiligen Hallen verlassen wollte. Dummerweise muss man vorher an seinem Büro vorbei. Natürlich hatte er seine Tür offen, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als ihm im Vorbeigehen schnell ein schönes Wochenende zu wünschen und den rettenden Türgriff in die vorläufige Freiheit zu greifen. Leider pfiff mich Chef 1 umgehend zurück.
Dummerweise hatte er schlechte Laune. Wenn er gute Laune hat, z.B. nach für ihn erfolgreichen Gerichtsterminen, ist er ausgesprochen umgänglich und strahlend freundlich-charismatisch, aber wehe er hat diese komisch schlechte Laune. …
Überhaupt neigt Chef 1 im Gegensatz zu Chef 2 zu unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen, teils mit merkwürdigen Aussetzern in seinem Gedächtnis => selbst wenn er noch vor einer Stunde behauptet hat, die Wand sei blau, und nun steif und fest meint, die Wand sei gelb, etwas anderes habe er nie gesagt, sollte man ihn niemals mit seiner ursprünglichen Aussage konfrontieren.
Am Anfang hatte ich diesen Fehler mal gemacht, aus Verwirrung über sein Verhalten und im Bemühen um sachliche Aufklärung, welche Wandfarbe ich für meine Arbeit nun zugrunde legen soll.
Eine der ReNos von Chef 2 meinte mal zu ihrer Kollegin – als sie sich unbelauscht wähnte – dass sie bekloppt werden würde, wenn sie für Chef 1 arbeiten müsste.
Nun ja – mich macht er auch irgendwie „bekloppt“ mit seiner speziellen Art. Wenn ich nur für Chef 2 arbeiten müsste, wäre mein Arbeitsalltag erheblich einfacher und stressfreier.
Innerlich auf der Hut beantwortete ich höflich seine bohrenden Fragen nach einer aktuellen – sehr umfangreichen, undankbaren – Arbeit, die ich für ihn am heutigen Tag fast fertiggestellt hatte. Die Sache war objektiv betrachtet nicht eilig und eine Erledigungsfrist o.Ä. hatte Chef 1 mir nicht vorgegeben. Hätten die anderen üblichen Verdächtigen mit mir vormittags nicht „PingPong“ gespielt, wäre ich sogar fertig geworden. Es folgte das übliche Spiel, das er schon öfter mit mir gespielt hat an Freitagabenden, wenn ich längst Feierabend gehabt hätte und eh der letzte Mitarbeiter war.
Da die Sache nur fast fertig war, nörgelte er missgelaunt rum, dass er die Sache ja dann am Wochenende fertigstellen müsse, und überhaupt, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hätte … .
Sein vorwurfsvoller Blick, der sich in mich bohrte, ließ mich heute innerlich kalt, was ich mir aber tunlichst nicht anmerken ließ; ich gab mich dezent schuldbewusst, da dies das einzige „Besänftigungsmittel“ bei ihm in solchen Situationen ist.
Ich weiß bis heute nicht, was er genau mit dieser Masche erreichen will. Niemand hat je angedacht, dass er die Sache am Wochenende fertigstellen müsse. Die Sache muss überhaupt nicht am Wochenende fertiggestellt werden, sie könnte zeitlich betrachtet auch objektiv betrachtet nächsten oder übernächsten Monat erst fertiggestellt werden.
Höflich bleibend versicherte ich, dass ich die Sache am Montag fertigstellen werde und nutzte die Chance, ihn noch etwas inhaltlich dazu zu fragen, da er die gesamte Kommunikation – auch Telefonate – mit dem Mandanten geführt hatte und leider nichts davon hält, so gewonnene (wichtige) Zusatzinformationen zum Sachverhalt irgendwo in der Akte festzuhalten. Ich hasse das, da ich dann der Depp bin, der später diese Informationen benötigt. Zumal Chef 1 mir übel nimmt, wenn ich diese – nirgends dokumentierten – Zusatzinformationen dann nicht gefälligst in meine Ausarbeitung reinbringe.
Nachdem er mit seinem üblichen Spiel fertig war, ging es heute mal mit einer neuen Spielvariante weiter:
„Die ReNos haben heute nur [die und die Diktate] fertiggestellt. Und ReNo Trallala war nur den Vormittag hier. Was haben die ReNos heute noch getan?“ , fragte er mich.
„Nun ich nehme an, sie haben das getan, was sie auch sonst an ihren Arbeitstagen tun.“ , erwiderte ich unschuldig.
Dass konnte doch nicht wahr sein. Ich sitze in einem eigenen Büro und die ReNos sind im ganzen Gebäudetrakt verteilt, woher zum Teufel soll ich wissen, was die heute alles genau gemacht haben insgesamt in der Kanzlei?! Zumal ich hier lediglich als Angestellter arbeite und ganz sicher weder die Zeit noch Lust habe, die ReNos zu kontrollieren.
Ein sehr langer kalter Blick von Chef 1 traf mich.
„Ja – und was haben die ReNos heute getan? Den ganzen Tag Diktate geschrieben haben können sie ja nicht!“ , beharrte er.
Hatte er jetzt etwa die ReNos auf dem Kieker? Wirtschaftlichkeit, Effizienz und Dominanz sind ja die drei vom Chef hochgehaltenen Werte, die er auch mir gerne eintrichtert.
„Das weiß ich nicht, ich stehe ja nicht neben denen und bin nicht deren Vorgesetzter. Aber soweit ich das bislang mitbekommen habe, kümmern die ReNos sich um ihre [anderen Aufgaben], wenn keine Diktate zu schreiben sind. Und ReNo Trallala hatte heute jedenfalls durchgängig zu tun, wenn ich dort war.“ , entgegnete ich sachlich und vermeintlich bemüht.
„Ja, ja – schon gut!“ , murrte mein Chef, bevor er mich wieder durchdringend ansah ohne eine Miene zu verziehen und nach einer kurzen Pause kühl tadelnd nachsetzte, wobei er das Sie wie einen abgeschossenen Pfeil betonte: „Sie haben ja gar keinen Überblick. Sie sollten mal mehr wie ein Selbstständiger denken!“ .
Dazu sagte ich besser nichts, aber immerhin war ich nun entlassen und durfte das äußerst repräsentabel eingerichtete Büro meines Chefs verlassen. Chef 1 hatte genug mit mir gespielt und war nun offenbar bereit, wieder weiterzuarbeiten. Andere Spielbälle zum Abreagieren gab es in der Kanzlei schließlich nach meinem Verschwinden nicht mehr.
In der Vergangenheit hat mich Chef 1 mal über den grünen Klee gelobt, mal abgestraft, es war immer sehr von seiner vorherrschenden Tageslaune abhängig. Ein ständiges Auf und Ab, bei dem man den einen Tag glauben könnte, man würde gefeuert, den nächsten Tag genau andersherum – nur Stabilität und Zuverlässigkeit bzgl. der Zukunftsperspektive, die gab es nie.
Auf vorher anders kommunizierte „Versprechen“ konnte ich mich im Zweifel ebenso wenig verlassen.
Für mich war das ziemlich stressig, auch wenn ich es bislang ein bisschen unter „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und „typische Chefallüren“ verbucht hatte. Es gibt sicher Menschen, die so einen ständigen Wechsel motivierend finden und sich noch mehr zur Decke strecken, mich verunsichert und stresst das eher. Es fördert nicht das Vertrauen.
Heute hatte ich den Eindruck, dass Chef 1 mich irgendwie endgültig auf dem Kieker hat und ich final in Ungnade gefallen bin. Blöd, dass ich noch ein paar Monate rumbringen muss – ich fühle mich dort absolut nicht mehr wohl; irgendwie auch ein bisschen bedroht, auch wenn das nur so ein schwer konkret greifbarer Eindruck ist und meine „Antennen“ generell etwas sehr sensibel sind, wodurch sie bereits bei kleinsten Regungen beim Gegenüber ausschlagen. Als Kind hat es mich oft verunsichert, so viel mitzubekommen. Oft habe ich an meiner Wahrnehmung gezweifelt. Zumal die Umwelt einem keine Bestätigung für das Registrierte geben will – bis man Jahre später erfährt, dass man sich das nicht eingebildet hat.
Immerhin trösteten mich die Sonnenstrahlen auf dem Weg zu meinem Pkw und die Aussicht, am Wochenende auf Stellensuche zu gehen. Meine neue Stelle sollte auf jeden Fall besser weit weg von hier liegen. Chef 1 ist leider lokal gesellschaftlich bestens verknüpft sowie zumindest hier vor Ort hoch angesehen und dürfte einen langen Arm haben.
Musst du denn bis zum Ende des Vertrags dableiben oder könntest du auch vorher kündigen? Und gibt es eine Gegend, die dir besonders gefällt? Oder sollte es nicht zu weit weg von deinen Eltern sein?
LikeGefällt 1 Person
Kündigen könnte ich auch vorher, nur habe ich davon taktisch betrachtet mehr Nach- als Vorteile.
Gut wäre schon, wenn die neue Stelle in etwa in der Nähe meiner Eltern wäre; so ca. 1-2 Fahrtstunden entfernt. Das deckt bereits einen großen Bereich ab.
Und es müsste auch nicht unbedingt eine Stelle als Anwalt sein.
LikeGefällt 1 Person
Wenn ein Chef sich so verhält, könnte es sein, dass er Dich irgendwie als sein Nachfolger im Visier hat ? Es ist schon komisch, weil wenn es ihn nicht interessieren würde, würde er Dich einfach ignorieren.
Wie Du Dich fühlst kann ich nachvollziehen. Es gibt Gemeinsamkeiten. Es ist schwer.
LG Joe
LikeGefällt 1 Person
Du kennst das?! Falls du magst, erzähl‘ mal, wie es bei dir war.
Als Nachfolger nicht unbedingt, aber möglicherweise als so etwas wie seine rechte Hand. Was ihm gut gefallen hat war u.a., dass ich viel von seiner Art die Schriftsätze/Schreiben aufzubauen und zu formulieren, übernommen habe und die Schreiben schnell so drauf hatte, wie er die haben wollte. Das hat er insgesamt imho sehr kritisch-freundlich gemacht und auch sehr geduldig alles erklärt usw..
Als Berufsanfänger in der Anwaltswelt befindet man sich ja quasi noch ein wenig in der Ausbildung; eben so „Katzenhainiveau“ im Gegensatz zu den ausgewachsenen Haien.^^
Er war von einigen „Werken“ von mir äußerst angetan – und ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich aus Kalkül so gelobt hätte, sondern dass die ihm wirklich gefallen haben. Das hat wiederum mich gefreut, weil er sehr kritisch ist und hohe (aber keine unmöglichen) Ansprüche hat.
Dass ich seinen Stil quasi teilweise übernommen habe, ist nicht absichtlich passiert, aber er hat einen recht eigenwilligen Stil und ich habe auch im Referendariat von allen meinen Einzelausbildern automatisch etwas von deren Schreibstil übernommen. Gerade auch Sachen, die mir gut gefallen haben. … Von Chef 2 habe ich auch Teile seines Stils übernommen, was sich aber interessanterweise auf dessen Rechtsgebiete beschränkt.
Mein Eindruck ist, dass er mich schon gerne weiterhin als Mitarbeiter primär für seine Sachen gehabt hätte und zum Teil auch so reagiert hat, weil er da irgendwie „enttäuscht“ ist/sich vor den Kopf gestoßen fühlt, dass ich quasi in die „Firma“ von Chef 2 überlaufe.
Ein wenig tut es mir auch Leid, weil mich besagtes Rechtsgebiet von Chef 1 durchaus interessiert und das mal mein Hauptinteressensgebiet gewesen ist. Nur kann ich beim besten Willen nicht 60% in der „Firma“ von Chef 1 arbeiten und weitere 60% in der „Firma“ von Chef 2.
Und Chef 2 hat in seinem Dezernat, in dem mit weitem Abstand die meisten Fälle reinkommen (wie ich nun Dank der Aktenstatistik weiß) von allen Anwälten am meisten Arbeit und ist der Einzige, der sein Rechtsgebiet alleine bearbeiten muss. Entsprechend ist er natürlich wiederum an Unterstützung durch mich interessiert. Zumal er mich inzwischen recht gut in diesem Rechtsgebiet angelernt hat.
Chef1 bleibe ich zwar auch als Arbeitskraft erhalten, aber eben in deutlich geringerem Umfang. … Und im Moment ist die Stimmung zwischen uns eh sehr merkwürdig.
Dazu schreibe ich evtl. mal einen eigenen Beitrag.
Chef1 hat nämlich stillschweigend nun angefangen, die Arbeitsumverteilung anzuleiern, die er mir gegenüber erst noch so rigoros abgelehnt hatte. Mit meinem jungen Kollegen hat er das kurz besprochen, aber mit mir kein Wort mehr darüber gewechselt.
Ich musste ihm am Montag ja noch seine eine fertiggestellte Sache geben, da war er kurz angebunden und anders, als sonst, aber nicht unbedingt unfreundlich. … Es ist eine merkwürdige Stimmung zwischen uns, wenn wir uns über den Weg gelaufen sind seit jenem Freitag, was zum Glück nur selten der Fall gewesen ist. Wobei wir beide jeweils viel zu tun hatten – auch viel außer Haus gewesen sind aufgrund von Gerichtsterminen – und es auch einfach daran liegen kann; andererseits hatte ich den Eindruck, er geht mir aus dem Weg.
LikeGefällt 1 Person
Hallo ! 🙂
Komische Stimmung, schwer auszuhalten. Beides(Chef 1+Chef 2) geht nicht gleichzeitig gleich gut. So ein unangenehmer „zwischen den Stühlen hängen“-Effekt und eine typische irdische Misere irgendwie. Und könnte sein, dass Chef 1 dass jetzt auch gemerkt hat und deswegen innerlich ein bisschen depri drauf ist. Das ist nicht deine Schuld.
Bei mir auch Buchstaben A. Das mit den Stilen aneignen, welches Du hier beschreibst, mach ich auch, irgendwie ähnlich wie ein Borg andere Systeme assimiliert. Meine Geschichte ist lang und ich hielt ich es selten an einem Ort dauerhaft aus. Irgendwann kam immer der Tag, an dem ich entweder meinen Mund nicht mehr halten konnte oder schweigend gegangen bin. In andere Systeme einfügen ging nur bis zu dem Punkt, an dem ich innerlich spürte, dass das System keine weitere Entwicklungsfähigkeiten mehr vorrätig hat und jeden Tag dasselbe Theater ist. Ab dem Punkt ging es mir meistens gesundheitlich immer schlechter, regelmässiges Erbrechen und Migräne, sowie ein kompletter Kommunikations-Vertrauens-Verlust mit Vorgesetzten. Auch nach meinen „Abgängen“ hatte ich jeweils noch Monate mit der Gesundheit zu kämpfen, bis sich mein Nervensystem endlich davon erholte. Kleine Unregelmässigkeiten bringen mich oft schon aus dem Takt und Veränderungen mag ich gar nicht, das Leben ist leider voll davon. Warum ich ausgerechnet auf diesem Planeten gelandet bin, wundert mich schon mein ganzes Leben lang. Irgendwas muss schief gelaufen sein, falsche Koordinaten im Seelen-Raumschiff, oder so was in der Art. 🙂
LikeGefällt 1 Person